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Pauline

Eine Erzählung

Claire Mercier

Kaum hatte Pauline am Morgen das moderne Mietshaus mit den kleinen weißen Kacheln verlassen, freute sie sich. Die Luft frischte die Farbe ihrer Wangen auf, die Kälte biß sie in die Ohren, und die schon geöffnete und erleuchtete Bäckerei weckte Lust auf Eßbares.

Pauline rannte auf die andere Straßenseite. Sie betrat das Geschäft und kaufte ein Mandelhörnchen, das die Bäckerin in weißes Papier einwickelte. Sie steckte es in ihren Ranzen und machte sich auf den Weg zur Schule: in der Tasche etwas, das nicht Schule war, sondern etwas Leckeres, Warmes von “draußen”. Pauline ging die Rue Saint Maur hinunter. In der Rue Guillaume Bertrand wurde der Wunsch, den vergänglichen Fetisch aus der Tasche zu holen und ein bißchen davon zu nehmen, sehr heftig. Sie leistete nicht lange Widerstand, ließ sich aber von der Naschlust erst mal die Nasenflügel weiten und den Kopf benebeln. Mit den Fingern brach sie ein Ende von dem Mandelhörnchen ab. Gierig verzehrte sie es, den Mund voll vom Geschmack, vom süßen Kuchengeschmack. Dann ging sie die Avenue de la République hoch, wobei sie den gerösteten Panzer des Croissant – jede Mandel nahm sie einzeln – aufknabberte. Sie brach auch das andere Ende ab und aß es; den Kern hob sie sich für später auf. Das zweite Ende hatte keinen Geschmack mehr, aber eine unglaubliche Dichte, die sie anfüllte, sie zustopfte und daran hinderte, sich leer zu fühlen, weil die Straßen voll von anderen Kindern waren. Fünfzig Meter von der Oberschule entfernt wickelte Pauline das beste Stück des Hörnchens aus und warf das Papier in den Rinnstein.

Wenn in der Gosse Wasser floß, schwamm das Papier fort und ballte sich in einiger Entfernung mit anderem Abfall zusammen. War der Rinnstein trocken, blieb das Papier regungslos liegen. Manchmal warf Pauline am Rinnstein vorbei.

Als sie in den Kern des Croissant biß, dachte sie voll Unruhe, sie könnte zu spät kommen. Sie hätte sich Zeit nehmen und richtig genießen sollen, aber sie fürchtete sich vor dem langen, drohenden Schrillen der Klingel, die gleich den Unterrichtsbeginn ankündigen würde. Hastig verschlang sie große Bissen Marzipan. Ihr wurde übel davon, und diese Übelkeit, die ihr kein schlechtes Gewissen machte, hörte nicht auf und hielt sie davon ab, im Unterricht zuzuhören. Sie träumte von süß-weichen Sachen, in denen sie versank. Ihre ganzen Gedanken bestanden aus gelbem, fettigem, köstlichem Mandelhörnchenteig.

Das ging so das ganze Jahr hindurch, außer in den Schulferien, dann schlief Pauline länger, oder sie war in den Bergen oder am Meer oder auf dem Land, weit weg von der Bäckerei. Im Herbst war das Hörnchen wie ein neu auflebender Sommer mit seinen Sanddünen – und die Marzipanmasse wie das heranflutende Meer, auf dem Pauline Wellenreiten machte. Im Winter war das Hörnchen schrumpelig, und Pauline schlang es rasch hinunter. Es gab ihr die Wärme, die sie brauchte, um auf dem Schulweg nicht zu frieren. Schneite es, dann legte sie es flach auf die Hand und fuhr mit der Zunge über die weiße, flockige und schimmernde Haut, die sich darauf bildete. Im Frühjahr waren die Mandeln knusprig und das Marzipan weich. Mit dem Sommerbeginn, wenn die Ferien näherrückten, wurde das Hörnchen schlaff, das Marzipan fing ganz ekelhaft an zu laufen. Paulines Bauch war aufgebläht wie bei einem Frosch, der Gürtel ihrer Hose erstickte sie fast – unmöglich, vom Unterricht auch nur einziges Wort mitzubekommen.

Oft sagte Paulines Mutter zu ihrer Tochter:

“Genieß es nur ordentlich und iß; wenn du erst groß bist, geht das nicht mehr, sonst wirst du zu dick, so wie ich; wenn du groß bist, mußt du leider aufhören, also halt dich ran, Liebes, solange du Lust hast ...”

Pauline hörte auf die Ratschläge ihrer Mutter.

Mitten in einem ungewöhnlich harten Winter machte die Bäckerei zu. Pauline hatte nun nichts mehr, was sie gegen die Schule abschirmte, keine Vogelscheuche, die sie ablenkte. Jeden Morgen sah sie zur Bäckerei hinüber, wo der Rolladen herabgelassen und ein Schild mit einer riesigen Telefonnummer sowie der Aufschrift “Zur Unterverpachtung” angebracht war. Pauline steckte die Hände in die Taschen. Wurde ihr vorher übel vom Marzipan, so jetzt vom Mangel an Marzipan. Pauline war untröstlich. Im Unterricht träumte sie nicht mehr ihre süß-weichen Traumbilder, sondern sah im Geiste den grauen Rolladen, hinter dem das Schaufenster mit den früher dort ausgelegten Leckereien, Süßigkeiten und Kuchen verborgen war. Pauline magerte ab. Ihre Mutter merkte es nicht, weil sie abgespannt war und Sorgen hatte: sie hatte ihre Arbeit verloren. Die Übelkeit, die vom Mangel an Marzipan herrührte, hielt den ganzen ausgehenden Winter, den anschließenden Frühling und Sommer an. Pauline fuhr nicht in Ferien. Auch zum Schulbeginn wurde die Bäckerei nicht wiedereröffnet, und der Winter begann ohne Croissant.

Eines Morgens im Frühjahr sah Pauline, daß der Rolladen hochgezogen war. Auf der Schaufensterscheibe las sie die handgemalte Ankündigung “Neuer Besitzer”. Die Übelkeit, die vom Mangel kam, war im Nu verschwunden, und an ihre Stelle trat die Hoffnung auf die Übelkeit, die vom Marzipan stammte. Im Unterricht träumte Pauline von Croissants aller Größen, aller Festigkeiten, von Croissants ohne Ende. Das Hoffen dauerte zwei Wochen, bis der Laden saubergemacht war und die Bäckerei erneut ihren Duft verbreiten, ihre Ware verkaufen und mit ihr locken konnte.

Pauline zitterte vor Erregung; sie verzehrte sich vor lauter Entzücken, setzte aber die ruhige und gefaßte Miene einer Erstkommunikantin auf. Sie drückte sich die Nase – und die rosigen Backen – an der Schaufensterscheibe platt: Pains au chocolat, Brioches, Flans, Tartes, Schweinsohren, alles sah prächtig aus und duftete nach Wiedersehen. Die kostbaren Mandelhörnchen waren bestimmt irgendwo versteckt. Pauline betrat den Laden.

“Ich möchte ein Mandelhörnchen”, sagte sie höflich.
“Die habe ich nicht”, antwortete die Bäckerin.
“Und auch später nicht?” schrie Pauline.

“Nein, mein Mann backt keine, sie verkaufen sich nicht. Wollen Sie nicht was
anderes, Mademoiselle?”

Fassungslos stürzte Pauline aus der Bäckerei. Weinend, aber ohne Übelkeitsgefühl ging sie die Straßen und Avenuen hinunter. In der Schule hielt nichts sie beim Träumen fest, zum ersten Mal hörte sie zu.

Abends fragte ihre Mutter:
“Was hast du, Liebes, ich sehe dich ja dein Mandelhörnchen nicht mehr kaufen?”
Pauline sah ihrer Mutter gerade in die Augen und antwortete:
“Weil ich jetzt groß bin, Mama.”

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