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Und jetzt basteln wir uns unser Geschlecht selbst

Zur neuesten Geschlechterdiskussion

Christel Dormagen

Wenn Gott gewollt hätte, daß die Männer Frauen sind, hätte er sie zu Frauen gemacht.

(amerikanische Weisheit)

Ich hole kurz aus, um den derzeitigen Stand feministischer Theorie deutlich zu machen.

Zur Erinnerung. Grob skizziert verläuft die Chronologie der Geschlechtertheorien von der Antike bis zum Ende des westlichen zwanzigsten Jahrhunderts entlang folgender Hypothesen. Und jedesmal ging es mehr oder weniger bewußt darum, den Sonderfall Frau gegenüber dem Regelfall Mann plausibel zu machen.

1. Frauen sind unvollkommene Männer. 2. Frauen ergänzen die Männer in einer dualen Ordnung polarer Gegensätze. 3. Frauen und Männer sind – bis auf den biologischen Unterschied – vollkommen gleich. Vom Mängelmann über das Komplementärwesen zum Vollmenschen, das also war der Dreierfortschritt der theoretischen Erkenntnis über das weibliche Geschlecht. Das männliche schien ohnehin immer schon erkannt. Wobei die These der grundsätzlichen Gleichheit – es gibt keine wesenhaft-natürlichen Unterschiede in Fähigkeiten und somit auch Ansprüchen beider Geschlechter – als eine Errungenschaft des Frauenprotests gilt. Und bis vor kurzem stellte diese Aussage denn auch so etwas wie einen allgemeinsten Nenner dar, auf den sich die euro-amerikanische feministische Theorie bringen ließ.

Doch dieser Konsens unter den bewegten Frauen wurde sehr schnell in Frage gestellt. In der heftigen Auseinandersetzung um die richtigen Ziele des feministischen Kampfes verlor die Vorstellung von der Gleichberechtigung zunehmend ihre scheinbare Eindeutigkeit. Die Frage lautete jetzt: Kann es überhaupt sinnvoll für Frauen sein, ihre soziale Gleichstellung einzuklagen? Wäre das nicht nur eine Einpassung in das als schlecht durchschaute männliche Gesellschaftssystem? Liegt die Chance der Frauen nicht vielmehr in der Schaffung einer besseren Welt- und Lebensordnung? Und müßte deren Basis nicht gerade die weibliche Andersartigkeit sein? Haben wir nicht qua Weiblichkeit einen Wesensbonus?

Für diese utopieträchtige Verschiedenheit wurde ein etwas aus der Mode geratener theoretischer Begriff bemüht, der der Differenz. Damit war die Schwestern-Einheitsfront endgültig zerbrochen, und das war schmerzlich. Aber diese Ausdifferenzierung der Interessen ließ sich auch als Fortschritt begreifen – als Zeichen der Individualisierung, also Menschwerdung der Frauen: Das diffuse Wir beginnt in Einzel-Ichs auseinanderzufallen. Noch schien dieser Streit allerdings übersichtlich. Es standen zwei wiederum komplementäre Theorieangebote zur Verfügung, und man konnte Stellung beziehen. Als eher politische Kämpferin schlug man sich auf die Gleichheitsseite. Als eher mit weiblicher Binnen- und Wesensschau Befaßte fand man bei den Differenzlerinnen seine Heimat. Und den Verfechterinnen der jeweiligen Gegenposition wurde, je nachdem, männeridentifizierte Blindheit oder reaktionäre Naturverfallenheit vorgeworfen.

Es stellte sich jedoch sehr schnell heraus, daß mit der Differenz ein Begriff in die Debatte eingeführt worden war, der sich als absolut ungeeignet erwies, einem Gedankengefüge festen Halt zu bieten. Im Gegenteil. Nun kam plötzlich das Ganze ins Rutschen. Der Begriff schien mit einer Art selbstzeugender Potenz versehen: Er tat gewissermaßen, was er benannte – der Unterschied schuf ständig neue Unterschiede.

Das geschah – und an dieser Stelle ist es angemessen, ins Präsenz überzugehen, denn dieser Prozeß ist nicht nur logisch unabschließbar, sondern er hat historisch auch gerade erst begonnen –, das also geschieht derzeit sowohl binnenfeministisch als auch gesamtgesellschaftlich. Am unübersehbarsten sicherlich in den Vereinigten Staaten.

Dort hat der Prozeß jener Ausdifferenzierung bei den Gruppierungen begonnen, die sich qua ethnischer Zugehörigkeit und/oder qua sexueller Orientierung gesellschaftlich benachteiligt sahen und sich durch die jeweiligen Befreiungsbewegungen nicht vertreten fühlten.

Und es dauerte nicht lange, da haben nicht einmal die so unerschütterlich scheinenden Grenzen sogenannter biologischer Naturgegebenheiten diesem Willen zur definitorisch immer tiefer dringenden Identitätsreinigung standhalten können. Nicht einmal Hautfarbe oder genitale Beschaffenheit also sind mittlerweile eindeutige Indizien für eine unzweifelhafte Zugehörigkeit. Aus Gründen immer noch nicht zureichend sauberer Trennung in kleinste monadische Einheiten ist es nachgerade zu erwarten gewesen, daß die Schwelle von der Sichtbarkeit zur Unsichtbarkeit überschritten werden mußte. Vom Anfaßbaren zum Unfaßbaren einer genetischen Formel etwa.

So hat sich z.B. der scheinbar homogene Block der Schwarzen in Amerika inzwischen in lauter ethnische Separat-Gruppen aufgesplittert: Da gibt es u.a. indianische Schwarze und asiatische Schwarze oder eben schwarze Indianer, schwarze Asiaten, afrikanische und karibische Schwarze etc. etc. in sämtlichen denkbaren Kombinationen. Und alle beanspruchen ein je eigenes Identitätsbewußtsein, eine je eigene Geschichte und – wie all die anderen neu entstandenen Minderheiten auch – ihre gesellschaftliche Anerkennung. Und die findet zumindest auf der symbolischen Ebene statt: in Form jener neuen Sprache der political correctness.

In dem Maße nun, wie die menschlichen Genitalien sich immer selbstverständlicher und problemloser umbauen lassen, stellen sich, was das Geschlecht als Differenzfaktor betrifft, ebenfalls ganz neue Klassifizierungsfragen. Und zwar sowohl, was das Geschlecht, als auch, was die sexuelle Orientierung anlangt: Eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle, die mit einem Mann lebt – als was bezeichnet sie sich selbst, und als was wird sie von außen bezeichnet? Ist sie/er ein schwuler Mann, eine heterosexuelle Frau ...? Gilt die Biologie oder die Anatomie? Seit wann gibt es da überhaupt Unterschiede, und welche Phänomene umfaßt und beschreibt die Biologie? Hier hilft offenbar weder das einfache konkrete Sehen noch das schon abstraktere Wissen: Ich sehe, das ist eine Frau; ich weiß, du bist indianisch-afrikanischer Herkunft ... Oder ein anderes Beispiel: Ein Mensch, der ganz das Geschlecht lebt, in dem er “biologisch” nicht geboren wurde, der aber auf die entsprechende neue künstliche Anatomie verzichtet, wo gehört dieser Mensch seinem Geschlecht oder auch seiner sexuellen Orientierung nach hin?

Ja, grundsätzlicher noch gefragt: Was genau bezeichnen diese Wörter eigentlich? Die Begriffe Geschlecht und sexuell haben ihre Trennschärfe verloren. Sie erfassen offensichtlich – oder besser: gerade nicht offensichtlich – die Wirklichkeit oder was dafür gehalten wird nicht mehr. Es scheint sich wahrhaftig so etwas wie ein ontologischer Quantensprung angebahnt zu haben.

Die amerikanische Wissenschaftsterminologie, die soziologische und die feministische vor allem, hat es als erste unternommen, diese neu entstandenen oder nur neu gewußten Unschärfen zu entflechten. Zur genaueren Trennung wurde die Vorstellung von Geschlecht in zwei neue und voneinander unabhängige Begriffe zerlegt: die Begriffe sex und gender. Mit sex wird dabei die biologische Ausstattung eines menschlichen Wesens bezeichnet, und gender meint all das, was im Deutschen mit sozialer Rolle umschrieben wird.

Konstruiert ist mit diesem Begriffspaar ein neues Basis-Überbau-Modell, wobei sex als eine feste und gender als eine variable Größe aufgefaßt wird. Damit ist die alte Dichotomie von Natur und Kultur in neuer Aufmachung wiedergekehrt. Die beiden englischen Begriffe sind mangels passender deutscher Äquivalente sehr schnell in den entsprechenden Wissenschaftsjargon unserer Sprache eingegangen. Und inzwischen gibt es auch bei uns schon den Spezialbereich der “Gender Studies” innerhalb der feministischen Anthropologie und Soziologie.

Doch kaum ist diese neue Aufspaltung etabliert, wird sie von einigen feministischen Wissenschaftlerinnen schon wieder als untauglich angezweifelt. Sie behaupten, nicht nur gender, das soziale Geschlecht also, sei gesellschaftlich produziert, sondern ebenso sex, das biologische Geschlecht mithin. Und gleichzeitig – dies ist der vorläufige Endpunkt jenes fortschreitenden Denaturierungsprozesses – kippt die Basis-Überbau-Hierarchie in ihr Gegenteil: Die Vorstellung vom natürlichen Sex-Unterschied ist eine gewissermaßen gendergeleitete kulturelle Produktion, ein nachträgliches Konstrukt. “Männer” und “Frauen” – zwei unnatürliche Gattungen!

Das Paradiesvogelwesen baut sich selber zusammen. Aus Stoffen, Hormonen und Gesten. Aus Ersatzteilen und abnehmbaren Teilen, aus Mechanik und Chirurgie. Aus übersichtbaren Vortäuschungen und aus undurchsichtigen Geheimnissen. Aus überdeterminierter Hypereindeutigkeit und aus widersprüchlicher Zwielichtigkeit. So stellen sie sich also her, diese Zwischenwesen: aus Geschlechts-Teilen, aus Klasse-Teilen, aus Rasse-Teilen womöglich gar.

Und auch das Geschlecht in seiner Doppelform von sex und gender hat sich auf den Markt begeben. Ebenso wenig wie Rock und Hose noch natürliche Geschlechtsattribute sind, gelten seit neuestem die Geschlechter selber als natürlich. Diese These hat Judith Butler in ihrem Buch Das Unbehagen der Geschlechter entwickelt.

Worum geht es? Eigentlich um etwas theoretisch gar nicht so Brandneues, nämlich um die Un-Natur der Kategorie Natur. Und die wird, wie wir wissen, besonders gern im Zusammenhang mit 1. Sexualität und 2. Frauen benutzt. Bisher, so Butler, schien die Kategorie Frau sowohl für feministische Theorie als auch für feministische Praxis unabdingbar zu sein. Über das feministische Subjekt – das also, was alle Frauen verbindet, – sollte sich die Gemeinsamkeit von Interessen und Bedürfnissen ebenso wie eine gemeinsame Handlungsbereitschaft herstellen. Alle Frauen seien qua Frau quer durch alle Kulturen vom Patriarchat unterdrückt. Und wenn man die Unterdrückung beseitigte, käme die wahre bzw. natürliche Frau zum Vorschein. Butler legt nun dar, daß eben diese scheinnatürliche Kategorie selber schon eine Konstruktion desjenigen sprachlich organisierten und reglementierten Machtsystems ist, aus dem das feministische Subjekt sich befreien will. Die Frauen klagen ihre Emanzipation bei den Trägern jenes Herrschaftsbereichs ein, dessen Produkt sie selber sind.

Ganz praktisch spricht gegen die Universalität des feministischen Subjekts außerdem die leider nicht wegzuleugnende Tatsache, daß sehr viele konkrete Frauen sich von diesem Subjekt nicht vertreten fühlen oder sogar strikt ausgeschlossen werden. Damit geht Butler das derzeit hoch im Kurs stehende Problem der Differenzen von einer anderen Seite an. Die Frage, ob es sich bei den Unterschieden zwischen allen Frauen um historisch gewordene Verschiedenheiten handelt und wie man diese berücksichtigt, beantwortet sie auf sprachlogische Weise. Ihre zentrale These lautet: “Stellt nicht die Konstruktion der Kategorie ‘Frau(en)’ als kohärentes, festes Subjekt eine unvermeidliche Regulierung und Verdinglichung der Geschlechterbeziehungen dar?”

Nicht nur der ‘natürliche’ Unterschied zwischen Männern und Frauen sei etwas Gemachtes, Gedachtes. Es ist dieser Dualismus selber, der ein kulturelles Konstrukt darstellt. Auch feministisches Denken sprengt den Rahmen des entweder männlich oder weiblich nicht, wenn es um das spezifisch Weibliche geht. Noch in der Absetzbewegung formuliert es sich vom Männlichen her. Butler schlägt daher vor, die Vorstellung von einer irgendwie gearteten weiblichen Identität gänzlich fallenzulassen. Auch die Trennung von sex und gender führt ihrer Meinung nach nicht aus der Falle heraus. Denn gender, die Rolle, stehe nicht in einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang mit dem sex, dem Geschlecht. Doch wie natürlich ist denn in Wahrheit dieses Geschlecht, fragt Butler. Wie hat man es sich zu denken, biologisch, anatomisch, gonadisch (durch die Keimdrüsen bestimmt) oder genetisch? Tatsächlich sind es die Wissenschaften, die die ‘Natur’ des Geschlechts definieren und sie immer mehr ins Abstrakt-Chiffrenhafte verlagern.

Kurzum, den angeblich natürlichen Unterschied gibt es nicht. Das Geschlecht (sex) ist ebenso wie die Geschlechtsidentität (gender) “kulturell hervorgebracht”. Und es ist, darin folgt Butler Foucault, die List der Macht, beide voneinander zu trennen und dem konstruierten Geschlecht nachträglich den Stempel Natur aufzudrücken. Wir haben es mithin bei der Geschlechterordnung nicht mit natürlichen Tatsachen zu tun, sondern mit normativen, Tatsachen erzeugenden sprachlichen Setzungen. Und nach Butler ist die Norm, die sich – ohne sich als solche zu erkennen zu geben – in der geläufigen Geschlechterauffassung durchsetzt, das Gesetz der institutionalisierten Heterosexualität.

So weit, so einleuchtend. Was aber, bitteschön, fangen wir damit an? Gibt es für dieses Gedanken-Werkzeug auch eine Gebrauchsanweisung zur Herstellung einer besseren Welt? Oder, theoretisch formuliert: Kann eine Theorie, die derart radikal sämtliche gesellschaftlichen, um nicht zu sagen menschlichen, Ordnungskategorien als ideologieverfallen verwirft, ihrem selbstgestellten Anspruch genügen, trotzdem feministische Handlungsmöglichkeiten bereitzustellen? Gewiß, antwortet Butler, darin liegt unsere einzige Möglichkeit. Gerade daß wir Frauen nicht wissen, wie das Weibliche von Natur aus beschaffen ist, und somit auch nicht, wie es aus allen Entstellungen und Unterdrückungen erlöst zu werden hat, gerade dieses Wissen gibt uns die Chance, “subversiv” zu spielen.

Da ein Außerhalb nicht existiert, gilt es nicht, eine schöne Utopie zu erdenken, ein drittes Geschlecht, eine androgyne Figur zu erschaffen. Es gilt vielmehr, innerhalb des binären Systems Mann-Frau Verwirrung zu stiften, subversiv das Geschlechterverhältnis und mögliche Subjektivitäten ins Unendliche zu multiplizieren, die Zweiheit in vielen bunten, widersprüchlichen, verrückten Inszenierungen zu parodieren. Butlers Idee von der Geschlechterparodie – gelegentlich sagt sie auch Travestie – zielt auf mehr als eine Verspottung der normalen Männer und Frauen, nämlich auf die Auflösung des Begriff des Originals. Parodistische Inszenierungen unterlaufen den Zwang zur Eindeutigkeit. Und wenn sich die Geschlechtsidentität als ein je momentaner Akt stilisierter performence entpuppt, wird sie als Trägerin von Wesenseigenschaften schließlich “radikal unglaubwürdig”. Das zumindest ist Butlers Hoffnung.

Und da sitzt denn auch schon der Haken. Butler setzt – wie dargestellt – auf die theoretische und praktische Sprengkraft der Überschreitung, der Parodie, des Theaters, der Inszenierung. Wenn man sich allerdings in der Szene der jungen Frauen und in ihren frechen Blättern so umschaut, gewinnt man den Eindruck, es laufe bei der Aufführung der Theorie doch einiges schief.

In den späten 70ern dachte und lebte ein Teil der Frauenbewegung nach dem Slogan “Feminismus ist die Theorie und Lesbianismus die Praxis”. Nicht von ungefähr erfährt dieser Theorie-Praxis-Kurzschluß – mal abgesehen davon, daß Feminismus nicht eigentlich eine Theorie, sondern eher eine Überzeugung ist – derzeit besonders im Gefolge von Butlers Buch ein erweitertes Revival in der amerikanischen und europäischen Szene. Und das lautet kurz und schlicht: Heterosexualität, überhaupt jede eindeutige sexuelle bzw. geschlechtliche Orientierung, ist out, und “queer” ist in. Wobei queer erstmal schräg, verrückt, daneben, uneindeutig meint und darauf hinausläuft, daß Mann und vor allem Frau es nicht nur auf eine Weise treiben soll, daß vielmehr schärfste Geschlechtsverkleidungen erwünscht sind. Es liegt daneben, wer nicht daneben ist.

Was aus dem Butlerschen hochabstrakten Dekonstruktivismus abgeleitet wird, ist eine allerneueste schicke Mode im Doppelsinn: Wir wechseln die Klamotten nach Lust und Laune, und wir wechseln die sexuelle Orientierung je nach Befindlichlichkeit. Wir spielen mit der Nichtidentifizierbarkeit. Ganz so, als habe Butler für Madonna eine Legitimationstheorie nachgeschoben. Sehr schön kommt dieser neue Hype in einem Song der X-Ray-Spex mit dem Titel “I Am A Poseur” zum Ausdruck:

Eigentlich ist das nichts anderes als die gute alte Bürgerschreck-Gebrauchsanweisung im wörtlich neuen Kleid. Butler selber steht inzwischen etwas ratlos vor den Geistern, die sie da gerufen hat. So beklagt sie in einem Aufsatz: “Seit dem Aufkommen der ‘queer theory’ und einer neuen Spielart der ‘theory culture’ kursieren in den USA höchst reduzierte Karikaturen komplexer intellektueller Positionen als ‘readings’.” Und in einem Seminar, das sie an der Hamburger Universität hielt, versuchte sie das Chaos zu ordnen, das sie unwillentlich bei ihren Jüngerinnen angerichtet hat. Sie sagte dort: “Der Fehler, den ich in Gender Trouble beging, war, das Beispiel der Travestie anzuführen ... es wurde so verstanden, daß es nur um die Frage geht, was ich heute anziehe.” Und noch deutlicher: “Gender ist kein Teil im Kleiderschrank.”

Allerdings ist diese Verwechslung der theoretischen Entnaturalisierung von Geschlecht und Rolle mit einem perpetuierten Fasching aus dem Kleiderschrank auch in Butlers Denken angelegt, in dem sich Analytisches mit Normativem mischt. Ihre Theorie der weiblichen Identitätsbildung will gleichzeitig emanzipatorische Praxisanleitung sein: Produziert Vielheiten!, ruft sie, und: Löst die linearen traditionellen Eindeutigkeiten auf!

An einem Beispiel, das Butler selbst geliefert hat, sei das Aporetische dieses Unterfangens deutlich gemacht. Sie hatte in Deutschland einen Vortrag gehalten und äußerte sich später negativ über eine wohlwollende Kritikerin in der Frankfurter Rundschau, die auf Butlers äußere Erscheinung eingegangen war. Butler verwirre, heißt es in dieser Rezension, “das Publikum dadurch, daß sie in doppelter Weise präsent ist: in ihrer Rede und in ihrem Körper, den Traditionalisten ganz einfach als ‘männlich’ bezeichnen würden. Als sympathischer junger Mann, vielleicht italienischer Abstammung, mit exakt geschnittener Herrenfrisur, lebhaft gestikulierend, steht sie am Pult und führt vor Augen, was ‘weiblich’ alles einschließt, besser: wie überholt und unwichtig es ist, Körpern ein genau definiertes Geschlecht zuzuordnen.” Butler wirft nun der Autorin den alten, sexuell konservativen Blick des “Mann oder Frau” vor: Sie scheue sich, das Wort Lesbierin zu benutzen. Darüber hinaus zeuge die Beschreibung “von einer immer noch herrschenden Unlesbarkeit und ‘Unsehbarkeit’ des Juden in Deutschland”. Lesbe werde verschwiegen angedeutet, Jüdin verschweigend ethnisch verschoben. Nur fragt man sich da: Wie hätte die Kritikerin richtig benennen bzw. richtig verschweigen sollen? Mann oder Frau darf nicht sein zur Identifizierung, Lesbe und Jüdin aber muß sein? In Deutschland sind derlei Sätze allerdings so oder so zu Heillosigkeit verurteilt.

Das Spiel mit den Identitäten und Bedeutungen ist vor widersprüchlichen Interpretationen nicht geschützt und gegen unterschiedlichste gesellschaftliche Funktionalisierungen nicht gefeit. Die Queer- und Transi-Mode ist da vielleicht nur ein eher harmloser Beleg dafür, wie sich Bekämpfung und Affirmation dessen, was ohnehin ist und sein wird, schließlich kaum noch unterscheiden lassen.

Das heißt also, um einen Befund festzuhalten: Es läßt sich nichts festhalten. Und nichts gibt festen Halt. Mir scheint, es findet zur Zeit eine Art Quantensprung im Geschlechterverhältnis statt. Während einesteils allmählich die pragmatischen Gründe für eine Geschlechterdifferenz wegfallen – die Fortpflanzung wird tendenziell an die Biotechnologie delegiert, und in ökonomischer Hinsicht sind Männer wie Frauen im Prinzip unterschiedslos eine verschiebbare Ware auf dem Arbeits- und Erwerbslosenmarkt –, wird andererseits das Geschlecht in all seinen Erscheinungs- und Verhüllungsformen ein vielleicht letztes Mal zum Identitätsstifter. Und das in zwei entgegengesetzten Weisen. Auf der einen Seite findet eine immer subtilere Ausdifferenzierung statt. Die schlichte Ansage: Mann liebt Frau oder umgekehrt gleich heterosexuell reicht längst nicht mehr, sondern es muß bitteschön sehr viel genauer sein: älterer Mann steht auf junge Frauen und umgekehrt; von Mann zu Frau umgebautes Wesen liebt Männer oder liebt Frauen. Frau schläft mit Männern und Frauen oder umgekehrt. Umgebauter Mann will umgebaute Frau usw. usf. Und jede Variante erhält ein spezielles Etikett für speziellen Sex. Und die jeweilige Sondergruppe gibt ihr spezielles Coming-out und fordert spezielle Anerkennung: Mein höchstpersönlicher Sex, das bin ich.

Einerseits wächst also unter dem unendlichen, immer kleinteiligeren Identitätsdruck eine zunehmende Sucht nach vereinzelnder, auszeichnender Eindeutigeit, nach einer exklusiven Subidentität: Ich bin die nochniedagewesene 1-Personen-Minorität! Andererseits wird in einer Art Gegenbewegung das Geschlecht in seiner Doppelform von sex und gender zum Spielmaterial. Die je eigene Identität wird aus der Lust an der Nichtidentifizierbarkeit gewonnen: Ich bin, was ihr alle nicht herauskriegen werdet!

In ähnlicher Weise wie der Begriff “Echtzeit” im elektronischmedialen Bereich eine realitätsauslöschende imaginäre Größe ist, so könnte man demnächst von einem ebenso imaginären “Echtgeschlecht” sprechen – als paradoxe Weiterführung des Freudschen Begriffes vom “Prothesengott”: Das Echte und die Prothese sind identisch. Weder Hose noch Brüste, weder kurzes Haar noch Penis, weder Schlips noch Parfüm, weder Schnurrbart noch Tütü, weder hohe Stimme noch breitbeiniges Sitzen, weder Uterus noch Hoden, weder Schießen noch Kochen sind heute innere oder äußere, tertiäre, sekundäre oder gar primäre Geschlechtsmerkmale, die zur Identifizierung taugen. Alles ist Mystifikation, Theater und Fake. Auch das “Echte”.

Geschlecht wird zum Privatvergnügen: Wir basteln uns aus lauter widersprüchlichen Zeichen unser ganz besonderes Ich-Set. Und die Tücke dieser Performance als Queer-Show, als verquere Schau, liegt darin, daß das, was sich uns da durch die totale Verfügbarkeit der Geschlechtschiffren als totale Freiheit eröffnet, zu einer leeren Freiheit mit leeren Zeichen im leeren Raum wird. Oder wie Elfriede Jelinek es in einem Gespräch über ihr jüngstes Theaterstück “Raststätte” ausgedrückt hat: das Alles-geht führe ins “schwarze Loch der Freiheit”.

Ob es sich bei dieser Entwicklung um eine Vorwärts- oder um eine Rückwärtsentwicklung handelt, ist schließlich gar nicht mehr auszumachen. Wir können uns aus ultraavantgardistischen und Ultraretro-Versatzstücken ultrachic zusammensetzen und als überdeterminierte Egomaschinen auf der Stelle tanzen. “I need no body. A body is no body for me.”

Zum Schluß anstelle eines wegweisenden Schlußwortes eine Zukunftsvision, die etwa hundert Jahre alt ist und dazu noch von einem Mann stammt:

“Eines Tages ... wird das Mädchen da sein und die Frau, deren Name nicht mehr nur einen Gegensatz zum Männlichen bedeuten wird, sondern etwas für sich, etwas, wobei man an keine Ergänzung und Grenze denkt, nur an Leben und Dasein -: der weibliche Mensch. Dieser Fortschritt wird das Liebe-Erleben, das jetzt voller Irrung ist, von Grund auf ändern, zu einer Beziehung umbilden, die von Mensch zu Mensch gemeint ist, nicht mehr von Mann zu Weib. Und diese menschlichere Liebe wird jener ähneln, die wir ringend und mühsam vorbereiten, der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.”

Diese Weissagung stammt überraschenderweise von Rainer Maria Rilke. Und als ich sie zum ersten Mal las, fragte ich mich, ob wir diesen ersehnten Zustand schon überschritten, ob wir ihn schlicht verfehlt oder ob wir ihn noch zu erwarten haben. Nach Stand der Dinge haben wir ihn uns wohl verscherzt. Rilke träumte noch von einer Wesenheit der Menschen, die durch, wie er sagt, “Verkleidung” entstellt sei. Er konnte sich nicht vorstellen, daß sich das Wesen in unserer Welt der Zeichen vollends auflöst.

In diesem Sinne ist der sogenannte Backlash auch kein Frontalangriff der Männer gegen uns feministische Frauen, sondern, wie ich darzustellen versucht habe, eine theoretische Lesart der gesellschaftlichen Verhältnisse, die wir selbst mitproduziert haben und hinter die es kein Zurück ins Einfache gibt. Der Unisono-Feminismus der ungeschiedenen Theorie-Praxis hat sich in ein theoretisches Gefüge modifiziert und ist, in seiner eigenen Progressionslogik, dabei, sich selbst aufzulösen. Ins schwarze Loch der Freiheit hinein.

Selbstverständlich folgt jetzt der Einwand: Aber was ist denn mit der doch handgreiflichen praktischen Benachteiligung von Frauen allerorten? Und selbstverständlich ist er berechtigt. Nur steht das auf einem anderen Blatt. Praktisch und gesamtgesellschaftlich stehen wir alle unter dem Gesetz des Marktes, d.h. aber des Arbeitsmarktes. Und die ökonomische Logik weiß – anders als der Feminismus – noch präzise, was Männer und Frauen sind. Gegen dieses Wissen ist die hypermoderne Geschlechterphilosophie, wie ich sie hier zu referieren versucht habe, nur ein schickes Sedativ.

* Gekürzte Fassung eines Vortrags, gehalten am 10. November 1994 auf dem vom “Interdisziplinären Arbeitskreis Frauenforschung” organisierten “Frauentag” der Universität Mainz.

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