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Die Dogmen der “Undogmatischen Linken”

Bärbel Bimschas, Iris Harnischmacher und Regina Seibel

Der folgende Artikel ist das Resultat eines im ersten Anlauf gescheiterten Versuchs, öffentlich die Behinderung zu reflektieren, die wir oft genug verspüren, wenn wir an den Diskussionen und Aktionen der studentischen Linken teilhaben wollen. Dieser erste Versuch, dessen theoretische Berechtigung und – vielleicht illusionärerweise – polit-strategische Durchführbarkeit uns damals erwiesen zu sein schienen, bekam im nachhinein einen halluzinatorischen Zug, da er nicht einmal niedergeschlagen wurde, sondern gar nicht stattfand: von der Normalität der politischen Rituale überholt, zugedeckt, schlicht unidentifizierbar gemacht wurde. Zur Beruhigung wie auch Selbstversicherung angesichts dieser Situation wollen wir diese kleine, weiß der Himmel marginale Geschichte aus unserem “politischen Alltag” erzählen, um hernach die naturwüchsige Verfaßtheit einer bestimmten Politszene in einem zweiten – dem ersten erstaunlich nahestehenden – Anlauf zu kritisieren.

Als im Januar dieses Jahres in Frankfurt ein Kongreß mit dem zugleich banalen und vermessenen Titel “Hochschule und Gesellschaft” vorbereitet wurde, wurde uns die Aufgabe zuteil, die Palette dessen, was sich links und undogmatisch nennt, durch den “feministischen Aspekt” zu bereichern. Nicht gewillt, uns mit jener sattsam bekannten Alibi-Arbeitsgruppe “Frauen diskutieren mit Frauen über Frauen” zufriedenzugeben, die bereits jede etablierte Partei einzurichten sich genötigt sieht, machten wir innerhalb der hauptsächlich aus den Reihen der Linken Liste bestellten Vorbereitungsgruppe schließlich gar einen Platz auf dem Eröffnungspodium geltend.

Das ursprüngliche Thema der Podiumsveranstaltung lautete: “Die Relevanz der Hochschulen als Ort kritischer Theoriebildung – Welche Möglichkeiten praktischer Kritik bieten heute noch die Hochschulen?” Gewissenhaft bemühten wir uns zunächst, die Probleme der sich institutionalisierenden und etablierenden Frauenbewegung an den Universitäten (Stichwort: Frauenförderplan) zu ergründen, doch recht bald beschlich uns ein Unbehagen bei der Aussicht, den Feminismus als gehegtes Pflänzchen linker Gönner umstandslos in den Kontext der “Undogmatischen Linken” einordnen zu müssen.

Was könnte diese Linken am Feminismus interessieren? Wahrscheinlich betrachten sie die Frauen als Idealtypus sich selbst organisierender Opfer. So bilden Frauen eine wunderbare Projektionsfläche: Zuwenig Opfer, als daß Mann sich allzu karitativ um sie bemühen müßte, sind sie anerkanntermaßen doch so sehr berechtigt und befähigt, sich zu empören, daß sie gern dem linken Spektrum zugeordnet werden. (Denn das müssen Opfer schon leisten, um sich für jene Linken interessant zu machen. Unlängst erklärte ein Vertreter aus ihren Reihen angesichts des Konflikts um die von Zurückverfrachtung in die Ostländer der Bundesrepublik bedrohten ausländischen Flüchtlinge, die man übrigens selbst zunächst rettungshalber in Frankfurt untergebracht hatte: Die weitere Beschäftigung mit ihnen sei uninteressant, da sie zu keiner merklichen “Politisierung” führe. Sie seien “bloße Opfer”, und man selber sei schließlich kein Sozialarbeiter.)

Uns war das fast schon galante, unbekümmerte Einverständnis mit unserem Vorhaben, auf dem Podium einige “feministische Worte” zu sprechen, suspekt, da wir theoretische Übereinstimmung mit und persönliches Wohlbefinden in der Linken Liste gewöhnlich vermissen. An der Formulierung einer – von vornherein als theorielastig stigmatisierten – internen Kritik beharrlich gehindert, behindert auch durch die geradezu historistische Konstruktion der “Alteingesessenen”, derzufolge man zuerst die Einfühlung in Tradition und Geschichte der Linken Liste geleistet haben müsse, um vielleicht irgendwann zu Einwänden prinzipieller Natur berechtigt zu sein, solchermaßen also stets einem schier übermächtigen Denkverbot ausgesetzt, schien es uns überaus verlockend, die Zuversicht unserer linken Freunde, daß Feminismus als politische Fußnote harmlos bleibe, zu enttäuschen. (Wer immer sich nämlich erdreistet, einfach so zur undogmatisch linken Gruppe zu stoßen und mitzureden, wird mit folgender Initiationsfrage erledigt: “Was ist eigentlich dein Politikverständnis?” Der peinliche Bumerangeffekt, den die Frage haben kann, wird meist kollektiv abgewehrt; man könne diese Frage unmöglich beantworten, man habe schließlich eine jahrelange Diskussion hinter sich, die nicht so einfach wiederzugeben sei.)

Ganz gewiß waren wir entschlossen, kämpferisch und unversöhnlich aufzutreten. Dann brach der Golfkrieg aus, und es verstand sich von selbst, daß der Kongreß sich mit diesem Ereignis befaßte, die Eröffnungsveranstaltung sich diesem Thema widmete. Das Podium wurde neu besetzt.

Wie es wirklich gewesen ist ...

ist nicht mehr festzustellen. Hat man uns etwa den Mund verboten? Achtkantig vom Podium geworfen? In den Fragen der großen Politik für inkompetent erklärt? Und haben wir etwa darauf bestanden, ein interessiertes studentisches Publikum mit unserer Einschätzung der Lage am Golf bekannt zu machen? Haben wir darüber lamentiert, daß das Frauenthema durch die große Politik verdrängt wurde? Oder war es vielmehr so: Erleichtert darüber, daß uns ein heikler Auftritt vor Massenpublikum erspart blieb, räumten wir anstandslos den Platz auf dem Podium, den ein versierter Professor der Geistes- oder Sozialwissenschaften allemal besser auszufüllen vermag. – Die Einfühlung will partout nicht gelingen, die nachträgliche Motivforschung bleibt ohne Ergebnis, die Fakten sprechen durchaus nicht für sich. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als die damalige Situation zu konstruieren und darauf zu vertrauen, daß das Nachdenken die Realität allemal besser erfaßt als das bloße Nacherzählen.

Die Tatsache, daß wir vom Podium verschwanden, zeigt exemplarisch, daß die undogmatische Linke sich nur noch instrumentalisierend auf die von ihr so hochgeschätzten Subjekte beziehen kann. Der Verlauf der Diskussion, in der der Golfkrieg Gegenstand des Räsonierens und die auf dem Podium vertretenen und im Saal anwesenden Araber/innen Gegenstand der Belehrung waren, bestätigte diesen Befund. Es war eine ausgemachte Sache, daß weder die Politikwissenschaft noch das politische Bewußtsein in den arabischen Ländern sich auf einem so fortgeschrittenen Stand befinden, wie das in den Metropolen offenbar der Fall ist. Während also in oft erprobter Arbeitsteilung die Professoren das analytische Instrumentarium bereitstellten und die politischen Hintergründe der Golfkrise explizierten, während der bewegungsnahe studentische Vertreter den hier gegen den Krieg sich regenden Widerstand in Augenschein nahm, hatten die arabischen Podiumsteilnehmer/innen, als wollte man mit ihnen das multikulturelle Programm durchexerzieren, den Part der (gebildeten) Exoten zu spielen. Die Form der Podiumsdiskussion, die den einen den Status von Experten, den anderen den Status von zu Belehrenden verleiht, trug ein weiteres dazu bei, die Hierarchie zu wahren, Mißfallensäußerungen, Zweifel an der Kompetenz der professionellen Einschätzer, der sich drunten im Saal artikulierte, zu unterdrücken. Kurden, die über die Konflikte in der Golfregion berichteten, wurden beschieden: “Wir wollen hier keine Informationsveranstaltung, sondern eine politische Diskussion.” Diese Worte sind das unwillkürliche Eingeständnis dessen, daß man prinzipiell nur das als politisch relevant erachtet, was den eigenen Erfahrungshorizont nicht überschreitet.

Die Dogmen der “Undogmatischen Linken”

Vor mehr als 20 Jahren schien es in Europa und gar auch in der BRD eine mächtige linke Bewegung der Studenten zu geben. Vor ebenfalls gut 20 Jahren wurde diese Bewegung bereits von so mancher der beteiligten oder eben nicht so beteiligten Frauen intern kritisiert. Interne Kritik, die zugleich nur extern formuliert werden konnte.

Der Tomatenwurf auf die Genossen 1967 machte das Problem allemal deutlich: Auseinandersetzen konnte, wollte, mußte frau sich mit den Kerlen, bei denen das fortgeschrittenste Bewußtsein innerhalb der Gesellschaft vermutet werden konnte, von denen frau gelernt, mit denen sie demonstriert und die gemeinsamen Gegner geortet hatte. Aber mit der Auseinandersetzung selbst standen die Frauen schon draußen. Da sie mit ihren Tomaten, wie Ulrike Meinhof schreibt, ihre permanente Subalternität sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch gegenüber den eigenen politischen Freunden angehen wollten – denen aber das “süffisante Grinsen” besser gefiel als der Versuch, über die theoretischen Bemühungen hinaus, die sie bis dato angestellt hatten, Probleme des gesellschaftlich deformierten Zusammenlebens der Geschlechter zu reflektieren –, war es wohl zumindest in den brutaleren Momenten der Erfahrung männlicher Ignoranz und Dominanz für Frauen schwer auszumachen, wo nun eigentlich die politische Trennungslinie verlaufen sollte: zwischen der revoltierenden Studentenschaft und dem Establishment oder zwischen der eigenen Ausgeschlossenheit und der männlichen Süffisanz.

Ingrid Strobl zeiht die Genossen von damals einer unerträglichen Mischung aus Anbiederung und Arroganz, mit der sie schon fast neurotisch fixiert die werktätige Bevölkerung “bewußtseinsbildend” heimgesucht und die Versuche einer fortgesetzten Kritik und praktischen Unterwanderung gesellschaftlich produzierter und individuell reproduzierter Deformation hintertrieben hätten. Denn die empirische Borniertheit der unmittelbaren Produzenten schien, nachdem deren “revolutionäre” Bestimmung ein für alle Mal feststand und sie ihre “objektiv” ermittelte Aufgabe der Umgestaltung der Produktion nur hätten kapieren und ausführen müssen, kein Thema mehr zu sein. Die Barbarei der kleinfamiliären Zustände etwa wurde zum vernachlässigbaren Anhängsel der revolutionären Funktion, mit der die linke Theorie die proletarische Existenz geadelt hatte.

Jene einstmals so hoffnungsträchtige studentische Linke hat diverse Nachfolger hinterlassen, die sich mehr oder weniger von ihr und ihren Fehlern abgrenzen: Neben der RAF zum Beispiel auch die ,neue Frauenbewegung’ und die ,undogmatische Linke’. Im folgenden wird es darum gehen, historisch differente Motive bzw. theoretisch unterschiedliche Konsequenzen der beiden letzteren zu bestimmen. (Auffällig allerdings ist, daß die Kraft des Zeitgeistes sie aktuell mit Merkmalen unübersehbarer Verwandtschaft ausstattet. Mittlerweile verkünden zahlreiche Vertreterinnen der ,neuen Frauenbewegung’ die gleichen Ungereimtheiten wie die linken Studenten: Der Übergang von Fremd- zu Selbstbestimmung sei eine hauptsächlich subjektive, wenn auch empirisch vielfältige Veranstaltung.)

Wie bereits angedeutet, sind die historischen Anfänge der ,neuen Frauenbewegung’ und die bis auf den heutigen Tag vielleicht interessantesten und kämpferischsten Texte derselben da zu fnden, wo Frauen sich genötigt sahen, politischen Abstand nicht mehr nur zu Elternhaus, Lohnarbeitszwang und staatlicher Politik, sondern auch zu den linken Männern zu gewinnen, die es im Hinblick auf ihr Geschlecht keineswegs so sehr anstößig fanden, ererbte Privilegien zu genießen.

Der Kult, den SDS-Männer um wahre Sätze, objektive Analysen, ökonomiekritische Höhenflüge machten, während alle Probleme von Heteronomie sowohl der Frauen innerhalb der Bewegung als auch all der andersbegabten, metropolen- und am Ende europafernen Existenzen außerhalb der Bewegung – für die man mitdachte – auf einen nachrevolutionären Tag X verwiesen wurden, diese rigorose Subsumtion verleitet zu dem Vorwurf, die 68er hätten zu objektivistisch argumentiert, und zu dem Schluß, ab sofort seien wieder die Subjekte wichtig, das Private, die Alltagserfahrungen etc. Abzulehnen sei das “Allgemeine”, das ökonomiekritische “Zentrum”, aus dem sich die “dogmatische”Analyse wie von selbst gestrickt habe, wichtig allein das rebellische Potential der Individuen. Dies jedenfalls ist die Folgerung vieler von denen, die heute überhaupt noch als irgendwie politisch oppositionell auszumachen sind, sich “undogmatisch links” nennen und zu der Auffassung tendieren, die 68er seien gerechterweise an ihrer eigenen Verblendung gescheitert.

Auf den ersten Blick muß es so scheinen, als ob die politische Betätigung für Frauen, Ausländer usw. mit dem Auftreten der undogmatischen, sozial bewegten, theoretisch eher pluralistischen Linken leichter, die Situation für die gestern noch theoretisch und praktisch Subsumierten heute erträglicher geworden sei.

Zu bedenken bleibt jedoch, daß der Anti-SDS-Feminismus der ersten Stunde trivial und ohne ideologische Überhöhung war. Sein Motiv war nicht so sehr das tiefe Bekenntnis zur biologischen Andersartigkeit, sondern die unumgängliche Erfahrung, daß und wie diese produziert wird. Ist sie produziert, dann gibt es aber durchaus objektive Bestimmungen auch dieser Produktion. Die undogmatische Linke hingegen meint zu wissen, daß, was am Subjekt erscheint, ihm immer schon voll zugehört; unüberwindliche Abhängigkeiten von der gar nicht so subjektiven, verstellten Wirklichkeit werden fast durchgehend geleugnet.

Bleibt der häßliche Verdacht, daß die undogmatische Linke der dogmatischen im Grunde nur eins nicht verzeihen kann: ihre Niederlage und vor allem die Deutlichkeit derselben. Wer wie die APO alles auf eine Karte setzt – die Revolution –, der fällt übel auf, wenn sein Trumpf nicht sticht. Mit dem Bekenntnis zu den Subjekten, zur individuellen Politisierung und zur alltäglichen Rebellion verkleinert sich das Problem, die eigene Marginalität erkennen zu müssen, erheblich: Allerorten tun sich soziale Konflikte auf, empören sich zu Recht Frauen, Ausländer, Asylanten, Wohnungssuchende, Obdachlose usw. über die miese Behandlung, die sie erfahren – und wenn sie sich schon nicht politisch äußern, dann benehmen sie sich wenigstens “desintegriert”, klauen, saufen, fighten, bilden Banden. Das untaugliche revolutionäre Subjekt ist abgelöst worden durch die bunte Vielfalt der rebellischen Subjekte. Die studentische Linke hat ein offenes Ohr für alle, die sich empören mögen, wiegt bedenklich den Kopf, wenn Kurden nicht massakriert und Ausländer nicht verprügelt, Obdachlose nicht vom Campus vertrieben und Frauen nicht auf Klos belästigt werden wollen. Zeigt sich doch überall ein beträchtliches Maß an sozialer Bewegtheit.

Doch in einem Punkt bleiben die undogmatischen Linken ihren Bewegungsvätern reichlich treu: darin, daß auch für sie die theoretischen Ansprüche und politischen Konsequenzen, die die Betroffenen selbst formulieren, nicht ernsthaft zur Debatte stehen. Die richtigen Konsequenzen hat man bereits für sie gezogen. Dem herrschenden abstrakten Interesse an der Integration der Individuen steht ein nicht minder abstraktes Interesse an deren Desintegration gegenüber. Immer vorausgesetzt ist dabei, daß sich die studentische Linke selbst, obwohl es keinen rechten Grund gibt, ihr das zu glauben, von vornherein für das – kraft eigener Anstrengung -desintegrierte Potential hält. Weil es so leicht ist, in der Vorliebe für schwarze T-Shirts und große Demonstrationszüge, spontane Farbeierwürfe und alternative Café-Projekte, in einem signifikanten linken Life-style also der eigenen gesellschaftlichen “Desintegriertheit” ansichtig zu werden, und weil die Normalbürger auf marktgängigen Etikettenschwindel so trainiert sind, daß sie diese anders gestylten und agierenden Menschen auch sofort als Linke erkennen, deswegen erscheint es der studentischen Linken, als sei es jederzeit und jedem möglich, herrschenden Interessen zu trotzen.

Wo die Praxis offensichtlich fehlt, da konstruieren die Undogmatischen – nein, nicht einmal mehr den Schein von Praxis, sondern – ein Milieu. Das Milieu ist ungefähr dies: der Ort, die Zeit, wo wir Leute treffen, die, ohne daß wir uns dessen noch versichern müßten, genauso “drauf” sind wie wir. In der gleichfalls nur abstrakten Negation der alten subsumtionistischen Linken sollen die Ausgeschlossenen heute keine objektive Vision der zukünftigen Geschichte mehr ausfüllen – diese aber auch nicht beanspruchen, sondern nur und zuallererst ihre eigene Geschichte mit dem Politisierungskick ausstatten und so bunt und vielfältig werden, wie es die linken Studenten schon sind.

Kein Wunder, daß als Ausgangspunkt politischer Tätigkeit nicht mehr die theoretische Diskussion über die Frage, warum und wogegen zu kämpfen wäre, sondern die moralische Verfassung der politischen Subjekte gilt. Die Borniertheit linker Theorie gründet darin, daß das Bewußtsein zu ihrer zentralen Kategorie und der Bewußtseinswandel zum einzigen Ziel politischer Praxis avanciert ist.

An dieser Borniertheit krankten auch die Diskussionen im Vorfeld des Kongresses. Die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der Hochschulen wies doch immerhin den Weg zu einer Analyse der objektiven Funktion der Studenten und späteren Technokraten, Sozialklempner, Affirmationswissenschaftler für die Reproduktion der Gesellschaft. Sie resultierte jedoch, wohl auf Grund einer heimlichen Aversion dagegen, auch die eigene Kollaborationsbereitschaft zu thematisieren, unweigerlich in einer Motivforschung unerquicklichster Art: Warum nur gingen die Studierenden so brav ihren Studien nach? Warum nur kritisierten sie nicht die Uni als einen Ort der Verblödung, sondern forderten eine bessere finanzielle Ausstattung? Warum nur quengelten sie wie verwöhnte Kinder, die aber schon sehr genau wissen, was ihnen später einmal gebührt, sie bräuchten mehr Räume, mehr Profs, mehr Pflanzen, mehr Licht, ohne sich der Beschränktheit dieses rein aufs Quantitative gerichteten Begehrens bewußt zu werden.

Den Kommilitonen also werden Egoismus und Karrieresucht bescheinigt. Die Kehrseite dieses moralisierenden Umgangs mit der studentischen Anpassungsbereitschaft ist die Unfähigkeit, das eigene “Linkssein” anders denn als moralische Haltung, als Lebenseinstellung bestimmen zu können. Solchermaßen aber hat sich, z.T. auch ganz empirisch, das eingangs beschriebene Verhältnis umgekehrt. Die Autorinnen können ein Lied davon singen, daß gerade sie, ohne Zweifel weiblichen Geschlechts, für arrogante, verbohrte Dogmatikerinnen und “Seminarmarxistinnen” gehalten werden und ihrem Wunsch nach einer kollektiven und ernsthaften Theoriediskussion mit der Empfehlung begegnet wird, endlich einmal die Relevanz des Sozialen, Privaten und der politischen Aktion zu begreifen. Theoretische Äußerungen sollten strikt unsystematisch bleiben, aber mit größter rotzig-empfindsamer Inbrunst vorgetragen werden.

Unsere Vorstellung vom Anti-68er-Feminismus, selbst wenn wir sie nur konstruierten und sie ihre Entsprechung allein in unserem eigenen Feminismus hätte, schließt die Konsequenz ein, nicht ein Zuviel, sondern eher ein Zuwenig an theoretischer Anstrengung zu bemängeln. Das verkorkste Zusammenleben der Menschen läßt sich nun mal nicht aus der Struktur durchgeknallter, autoritärer und angepaßter politisierungsunwilliger Individuen allein erklären. Es geht gar nicht so sehr darum, sich über eine wenig erfreuliche Gruppendynamik – wie sie sich im Verhältnis zwischen Männern und Frauen oder in der allgemeinen Konkurrenz zeigt – zu beschweren. Am Umgang miteinander kann man feilen, ihn langatmig und zirkulär diskutieren, das wird zuweilen in den heutigen linken Gruppierungen gern gesehen. Unerwünscht aber sind Analysen, die einen Zusammenhang offenbaren würden zwischen der durchaus marktgängigen Mischung aus Rebellion und Konvention, die die linken Individuen auszeichnet, und den Mängeln undogmatischer Theorie.

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