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Der Tod des jungen Wissenschaftlers

Ein Hörspiel

Ute Bublitz

Personen:

Der junge Wissenschaftler
eine Kommilitonin
ein Kommilitone
eine andere Kommilitonin
Professor
Trauerredner
Träger
Richterin
Sprecher/innen 1-10
Chor

I Begräbnis

Chor:
Wir sind der Chor der Geschichte
Das Gedächtnis
Unvernichtbar
Harren wir der Erlösung
Wie lange noch?
Wissende, können wir nicht gehört werden
So bleibt uns nur der Gesang
Ist Rettung möglich?
Beständig werden wir mehr
Heimatlos, zeitlos
Vertriebene, zwischen Hier und Dort
Harren wir der Erlösung
Hört, der junge Wissenschaftler ist gestorben!
Hat sich abgewendet, hört, von ird’scher Trübsal
Um sich wohin zu wenden?
Jeder, der Euer Treiben verachtet
Kann unser Retter sein
Sonst bleibt uns nur der Gesang

Kommilitone: Meenste wirklich hia?

Kommilitonin: ... die Zeitung.

Kommilitone: ... Ja keena da, sonst – hätte lieba ausschlafn solln – die Party jestan! Aba, ick dachte, eijentlich müßte so eener außerhalb der Stadt.

Kommilitonin: Ach, nein, das war früher so. Mensch, aber leer ist es hier wirklich.

Kommilitone: Na, ick gloob, da Leere diesa Wirklichkeit muß erst noch uff de Sprünge jeholfn wern: Ick zieh wieda ab.

Kommilitonin: ... ‘ne Show, ja. Sag mal, hast du eigentlich gar keine Ehrfurcht vor dem Tod? Bewegt dich diese Geschichte nicht auch? – Ich mein, er war doch irgendwie einer von uns! Ja, gut, er war vielleicht etwas seltsam – aber Gott weiß, warum. Weißt du, ich frage mich, warum so einer sich aus dem Staub macht, einfach so. Hat ihm das Leben keinen Spaß gemacht?

Der junge Wissenschaftler dumpf, von fern: Spaß! – Mithalten, immer mithalten, weiterkommen ... und durch! Oh meine Ruhe – wo bist du? – Wo bin ich? – Ich bin nicht hier – Wo? – Hier? Ach. Ich weiß nicht ... Spaß! Ja, den hätte ich haben sollen. Eins eurer Gesetze: “Wer überleben will, braucht Spaß.” Jede Menge Spaß ... Warum? Lacht hohl Weil wir so eine traurige Gesellschaft sind! – Nüchtern Ein anderes eurer Gesetze sagt: “Alles kann man kaufen.” – So zog ich los, nachts, durch eure dunklen, kalten Straßen ...

Kommilitone: Mir macht’s ooch bald keenen Spaß mea, wenn ick mia hia noch weeta de Beene in Bauch stehe. Im übrijen kennste ja meene Devise: “Jeder ist seines Glückes Schmied.” – Mensch, ick habs, uns jehn de Schmiede aus, heutzutage – technologisch übaholt!

Kommilitonin: Kommen da nicht welche?

Kommilitone: Mist, zu spät, sich ausm Staub zu machn!

Trauerredner noch fern: Hm, hhhm, hhm.

Kommilitone gedämpft: Kiek ma, wie trostlos! Mea als doppelt soviel jekoofte Trauerjäste wie nich jekoofte. Au weia, wat muß det fürn Lebn jewesn sein!

Der junge Wissenschaftler dumpf, von fern: Was ist das für ein Leben!

Kommilitone: ... Keena, der sich drum schert, ob de hops jehst.

Der junge Wissenschaftler dumpf, von fern: Ja, mehr ist, wer mehr hat, mehr Freunde, mehr Geld, mehr Wissen, mehr Macht ... Man muß sich verkaufen. – Ach, Ruhe, endlich Ruhe! Laßt mich hinunter!

Trauerredner jetzt nah: Hm, hhhm, hhm.

Träger mit schauriger Eunuchenstimme und Akzent: Eins, zwei uuund abgeschultert! – Plazieren, justieren, visieren uuund ablassen! – Seil geben, Jungs! – Rechts abgeben, links aufziehen! Schlaufe! Uuund ab!

Kommilitone flüsternd: Der alte Pirat!

Trauerredner: Hm, hhhm, hhm. Verängstigt, schüchtern, mit falschem Pathos: Ehrwürdige Trauerversammlung, verehrte Angehörige, meine Damen und Herren! Wenn in diesen Tagen ein so allseitig gebildeter, hochqualifizierter Mensch von uns geht, nun, da die Menschheit die härtesten Prüfungen seit Anbeginn zu bestehen hat, nun, da die Anzahl derjenigen, die den Mut und die Fähigkeit besitzen, sich ins Reich der Ideen aufzuschwingen, immer geringer wird, so berührt uns dies zutiefst. Und um so mehr, als es sich um einen jungen Menschen, ja, um einen jungen Wissenschaftler, einen aufstrebenden, einen vielversprechenden jungen Wissenschaftler handelt, der eine glänzende Karriere vor sich hatte und sich anschickte, die höchsten Weihen der Wissenschaft zu empfangen. Hm, hhhm, hhm.

Der junge Wissenschaftler dumpf: Ich bin müde, so müde ... Gewährt mir endlich Ruhe!

Trauerredner ausholend, mit kräftigerer Stimme: Denn was ist der Mensch, strebet er nicht in die Höh’?!

Chor kräftig, dissonant, zur nicht erfolgenden Auflösung hinziehend: Der Mensch ...

Trauerredner: Hohe Trauerversammlung, lassen Sie mich Ihnen die Größe des von uns Geschiedenen und unsere tiefe Betroffenheit zum Ausdruck bringen, indem ich nicht sowohl seine bloße Individualität, sondern diese vielmehr auch durch die allgemeine Beziehung des Menschen zur Wissenschaft darstelle. Wenn wir die Erhabenheit und die Würde der Bestimmung des Wissenschaftlers erfassen, wird uns die Trauer um den Seligen erneut und um so heftiger ergreifen.

Eine andere Kommilitonin: Mir muß da nichts mehr dargestellt werden: Kämpferisch Die Wissenschaft soll das für die Revolution nötige Wissen bereitstellen!

Kommilitone: Meine Fresse! Sone jibts noch, heutzutage.

Kommilitonin: Laß sie doch!

Trauerredner: Was, liebe Hörerinnen und Hörer, ist der Sinn des Lebens?

Kommilitone: Aaah! Kiekt ma! Det wollt ick schon lange wissn. Jut!

Trauerredner: Hm, hhhm, hhm. Obgleich die Frage und die Antwort auf dieselbe die geistige Grundlage unseres Wirkens hienieden bilden, muß sie immer wieder erneut gestellt werden. Der Sinn des Menschen liegt darin, sich allererst zu seinem wahren Menschsein zu befördern. Hhm.

Kommilitone: Menschenskind! – Wie machstn det?

Trauerredner: Als Krone der Schöpfung, als erhabener Träger der Vernunft trägt der Mensch den Zweck seiner selbst in sich. Das heißt, er soll sich seinen Zweck in freier Selbstbestimmung geben.

Eine andere Kommilitonin: Selbstbestimmung! Das isses, Alter. Anarchie! Freiheit für alle Gefangenen!

Schritte

Professor murmelnd: Mein Beileid. Mein Beileid. Eine Sitzung ... äh. Ich bitte um Verzeihung ...

Trauerredner: Hm, hhhm, hhm. In diesem Sinne, ehrwürdige Trauerversammlung, ist der Sinn des Menschen überhaupt, hm, sein Zweck, hhhm, der darin besteht, daß ... hm, hhm, der darin besteht, im Menschen den Sinn für den Zweck zu wecken, diesen Sinn in ihm zu pflegen, hm ... Abrupt Denn was ist der Mensch ohne Sinn?

Chor kräftig, dissonant, zur nicht erfolgenden Auflösung hinziehend: Der Sinn ...

Kommilitone: Mia stünde da Sinn nach ...

Kommilitonin ärgerlich: Wirst du wohl?!

Professor: Schade um ihn. Wirklich. Da wird ein gehöriges Maß an Zeit, Leben, Kraft investiert, hart gearbeitet, um dann alles wieder zunichte zu machen? Es gilt doch Gewinn aus den eigenen Investitionen zu ziehen, das Erworbene, Erarbeitete zu verteidigen angeekelt gegen all diesen Abschaum. Jetzt ist das Projekt im Eimer. Na ja, muß eben ein neues her. Aber wieder diese Hektik, und dann die unangenehme Lücke in meiner Biographie, gestelzt in meiner Biobibliographie; ärgerlich diese nichtwiedergutzumachende Lücke! Wo jetzt auf die Schnelle einen neuen Mitarbeiter hernehmen? Kann ihn mir nicht aus den Rippen schneiden, und die Studenten, die sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Gewollt ordinär Alles Schrott! Alles Idioten. Aristokratisch Wenn ich dieses heruntergekommene Institut schon sehe! Schmierereien, Chaos!

Trauerredner: Hm, hhhm, hhm. Zunehmend selbstbewußt, dozierend Und hier nun, hochwürdige Trauernde, schließt sich der Kreis durch das kostbarste Glied: Die WISSENSCHAFT. Denn ist der Mensch in seiner Sinngebung auf sich selbst zurückgeworfen, soll er seinen Zweck aus sich selbst heraus bestimmen, so darf er umgekehrt von nichts anderem als sich selbst, von keinen äußeren Dingen bestimmt werden, vielmehr muß er diese nach einem von ihm selbst gesetzten Zweck bestimmen. Triumphierend Das heißt, er muß sie sich untertan machen!

Eine andere Kommilitonin: Auf deutsch gesagt, macht kaputt, was euch kaputtmacht! Yeah!

Trauerredner: Es tritt hier endlich die vornehme Stellung, die der Wissenschaft im System der menschlichen Errungenschaften zukommt, klar zutage. Sie ist unser wertvollstes Erkenntnismittel, das Mittel zwischen Welt und Mensch, das zur Erfüllung des überdauernden Zwecks des Menschen unumgängliche Werkzeug. Die Wissenschaft, verehrte Anwesende, ist der Königsweg zur Freiheit des Menschen. Ausholend Und was ist der Mensch ohne die Freiheit?

Chor kräftig, dissonant, zur nicht erfolgenden Auflösung hinziehend: Die Freiheit ...

Kommilitone plötzlich hochdeutsch: Zum Beispiel zur Langeweile, die Freiheit, in überfüllten Seminaren rumzuhängen, zur Arbeitslosigkeit ...

Eine andere Kommilitonin: Irgendwo ist der Typ nicht schlecht. Freiheit? Viva la revolución! Vive l’anarchie!

Trauerredner: Wenn wir uns, hohe Trauergemeinschaft, auf diese Weise noch einmal die hehre Bestimmung der Wissenschaft klargemacht haben, so steht uns nun auch derjenige, der sie vertritt, der sie für uns zu verwirklichen und voranzubringen strebt, der Wissenschaftler nämlich, deutlich vor Augen. Er ist gleichsam der erhabene Erzieher des Menschengeschlechts, der stille Streiter für den Fortschritt, in dessen Verantwortung all unsere Bildung und Kultur, all unser Geist liegt. Welch erhabene Aufgabe! Ausholend Denn was ist der Mensch ohne den Geist?

Chor kräftig, dissonant, zur nicht erfolgenden Auflösung hinziehend: Der Geist ...

Kommilitone: Ick bin een Jeist und schwebe frei hier ab ...

Professor schwadronierend: Wenn mir auch die in meinen Augen leicht jugendlich-pubertäre Ereiferung für alles Geistige abhanden gekommen ist, oder sagen wir lieber, wenn ich diesen Eifer durch Kultivierung in eine gesellschaftsfähige Form gebracht habe, so muß ich doch zugeben, daß an der Verbindung von Wissenschaft und Freiheit etwas dran ist. Denn wo sonst, bitte schön, kann ich in den Genuß so großzügiger Freiheit gelangen? Wo auf so saubere und, vor allem, so angesehene Weise zu meinem Geld kommen? Ohne mir die Hände schmutzig zu machen. – Das bißchen Unordnung hier und da nimmt man gern in Kauf.

Trauerredner zunehmend atemlos: Wenn wir uns dieser elementaren Ableitung bewußt werden, sie uns zu eigen machen, werden wir wieder fähig zur tiefen Empfindung der Ehrfurcht vor der Wissenschaft.

Professor schwadronierend: Der Verfall der Universität ist im übrigen eine zeitbedingte und damit vorübergehende Erscheinung, geschuldet dem versuchten Eindringen des Kleinbürgertums in die Intelligenz. Da muß einfach das Niveau sinken. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, daß sie diese Festung nicht nehmen werden. Eine vorübergehende Krise des Geistes. – Es muß schon furchtbar zugehen “da unten”, Monotonie und Plackerei ohne Geist. Was will man machen? Wir sind eine Leistungsgesellschaft: Wer wirklich gut ist und etwas leistet, der setzt sich schon durch und findet Anerkennung, die Besten kommen immer nach oben. Aber das führt ab von der Wissenschaft, das ist nicht mehr mein Gebiet, das geht ja ins Philosophische ...

Trauerredner immer atemloser: In Empfindung dieser Ehrfurcht vor der Wissenschaft sind wir angesichts des jähen Abschieds unseres jungen Wissenschaftlers erschüttert. In diesen Tagen, da die Anzahl derjenigen, die die erhabene Fähigkeit in sich tragen, sich zu Ideen zu erheben, beständig geringer wird, trifft uns sein Verlust hart. Wir brauchen jeden Mann! Keucht Denn was ist der ...

Chor:
Welch Bild auch immer er sich schuf
Als Schatten sind sie gleich
Zur Richterin
Allen gilt der Ruf
Ins Totenreich

II Gericht 1. Teil

Anderer Raum, dunkel, ganz ohne Hall, die Stimme verliert sich darin.

Der junge Wissenschaftler: Wie? – Keine Ruhe? – Gilt der Wille nichts mehr? – Wohin? – Wo geht es lang? – Wohin werde ich getrieben? – Was treibt mich? – Gewaltsam – Und doch sanft? – Unwiderstehbar und doch kaum zu spüren?

Chor:
Nicht jeder diese Kraft verspürt
Nicht jeder kommt den Weg gegangen
So manchen zerren wir herbei
Denn sie waren so verführt
Daß die Angst sie hält gefangen

Richterin gewaltig, donnernd: Halt!

Der junge Wissenschaftler: Wie ist mir? – Wo bin ich? – Wird so die erste, die einzige Entscheidung, die ich je getroffen habe, wieder rückgängig gemacht?

Richterin gewaltig, donnernd: Du bist hier!

Der junge Wissenschaftler: Wo? – Ich sehe nichts. – Kaum höre ich ... Aaah, ich ahne ... Ohnmächtig werdend Aaah!

Richterin gewaltig, donnernd: Steh auf! Hier ist der Ort, gerade zu stehen! Erhebe dich!

Chor: Wer kann hier stehen? Rede und Antwort stehen?

Richterin gewaltig, donnernd: Wo warst du, als ich dich rief?

Der junge Wissenschaftler: Ich? – Mich? – Rief? – Nein. Mich? Nein, niemand. Niemand rief mich. – Wohin?

Richterin gewaltig, donnend: Ich bin NIEMAND.

Der junge Wissenschaftler: Niem...? Nie...? Nichts, nichts habe ich gehört. Alles war still. Leer. Und, alles war schrill, es dröhnte in meinem Ohr.

Richterin gewaltig, donnernd: Wo warst du, als es Zeit war?

Der junge Wissenschaftler: Zeit? Wessen Zeit? – Nein, ich hatte keine. Nie. Ich hatte die Wissenschaft. Wie hätte ich Zeit haben können? Woran merken sollen, daß es Zeit ist? – Die Zeit ... Ich kenne nur die Angst vor ihr. Sie war mir ein wütendes, schreckliches Loch, ein Ungeheuer. Nein, ich durfte keine Zeit haben. – Ruft Verzeih’ mir!

Chor:
Unaufholbarkeit
Ob einer verstanden, ob er nicht verstanden
Nun wird abgewogen
Ob er Nutzen brachte, ob Schaden
Den Menschen dort
Nun wird entschieden
Ob er zu den Verdammten geht
Ob zu den Erwartungsvollen
Ein besseres Leben zu gestalten
O weh
Immer erneut leuchtet die Hoffnung
Und wird doch zerstört
Dann bleibt uns nur der Gesang
Oh weh

III 1. Gespräch

Im Gehen

Kommilitonin: Hast du die Rede verstanden? “Reich der Ideen”, “Erhabenheit” ... Und, wie war das? “Reich des Sinns”, nein, “Reich des Zwecks”. Worin besteht da nochmal der Unterschied? Ach ja, und “hehre Wissenschaft” und “Geist des Lebens” und “Freiheit” und ... Träumerisch, offenbarend Weißt du, wie schwer es ist, all diese Werte heute noch zu verstehen und zu leben? Ich habe das in meiner Selbsterfahrungsgruppe gelernt. Wir sind ja so unnatürlich, so gehemmt, so unfrei! Wiederaufnehmend Und irgendwie konnte man alles voneinander ableiten, und es kam etwas Tolles dabei heraus! Ich weiß nur nicht mehr, wie!? Du? Es war eine tolle Rede! Genau so muß eine Rede sein. Auch wenn man sie nicht gleich versteht. Man fühlt es doch, ob etwas gut ist. Man hat dann so ein Gefühl dazuzugehören ...

Kommilitone: Det ha ick mir jedacht. Siehste, da fühlste man wieda janz richtig: Vaascha brauchen Vaaschte. Is wohl ne Frauenselbstvaaschungsgruppe, oda wat?

Kommilitonin: Wie dämlich du bist. Gar nichts hast du verstanden.

Kommilitone: Und du jloobst den janzen Klumpatsch, bloß weil sich de hohen Herren ihre Eselsköppe hinta ihre Titelchn vasteckn. Wenn ick den sein Titelchn anpuste, fliechta ja jleich mit weg.

Kommilitonin: Du wirst immer respektloser. An was kannst du überhaupt noch glauben?

Kommilitone: Nu komme mia man nich romantisch! ‘S hat sich ausjegloobt, heutzutage.

Kommilitonin: Ach! Man glaubt zum Beispiel an das, worauf man sich verlassen kann. Wenn die Wissenschaft sagt: xy ist giftig, dann ist es auch giftig, worauf du dich verlassen kannst.

Chor: Wieviele von uns sind eure Opfer?

Kommilitone: “Wissenschaft”! Wenn ick det schon höre! Meenst wohl, ick weeß nich, was mit da Wissenschaft los is? Uni – belustigt U-ni-ver-si-tät – okay, det leuchtet noch ein. Is doch klar, ‘s wär langweilig ohne, weil et keene Arbeet jibt für unsaeens. Un denn de Krankenkasse! Klar, det de dir einschreibst! Machst dir noch ‘n paar schöne Jährchen, bevort erst richtig losgeht. Heutzutage kannstes dir eben nich leistn, an morjen zu denkn ...

IV 2. Gespräch

Im Gehen, woanders

Eine andere Kommilitonin: Ja, man muß immer wieder daran erinnert werden: Wir sind frei und haben selbst Köpfe zum Denken, unsere eigenen Ideen. Wir lassen uns nichts mehr vormachen, uns nicht mehr einspannen für deren Macht. So reift mein Plan: Zuerst das Militär. Alle Rüstungsfabriken werden zerstört, die Leute freigesetzt. Dann alle anderen Schrott produzierenden Einrichtungen ... Die gesellschaftlich notwendige Arbeit wird auf alle, uneingeschränkt alle, arbeitsfähigen Mitglieder der Gesellschaft verteilt – nach meinen Schätzungen: für jeden 43 Minuten täglich. Ha, die werden sich noch umsehen, wie überflüssig sie plötzlich geworden sind!

V Gericht 2. Teil

Der junge Wissenschaftler: Ich bin Wissenschaftler! Seit wann zählt die Wissenschaft nichts mehr? Seit wann muß sich unsereins ein Gewissen machen? Wenn schon, will ich nach meiner Leistung beurteilt werden, als Wissenschaftler! Und da macht mir keiner etwas vor.

Richterin: Es gibt keinen ohne Schuld.

Der junge Wissenschaftler leiernd: Ich war der Stolz meiner Eltern. In der Schule Klassenbester und unterfordert. Ein Jahr übersprungen. Trotzdem das beste Abitur. Studium – finanziert durch angesehenste Elitestiftung. Allmählich diskursiv werdend Nach der Zwischenprüfung übernahm mein Professor mich als einzigen Studenten in sein neues Projekt. Für meine Untersuchungen erhielt ich den Förderpreis “Junge Wissenschaft”. Zum Diplom mit “hervorragend” war es dann nur noch ein kleiner Schritt. “Genial”, “absolut genial, was Sie da entdeckt haben” sagte mein Professor, “wissen Sie, was das ist? – Ein deklamierend ‘Fusel J.W.’” D.h. ein Gegenstand, der so winzig ist, daß durch seine Entdeckung keine der vorliegenden Theorien, Untersuchungsmethoden, Anwendungen verändert werden müßte. Ein “Fusel J.W.”! Und doch gibt es ihn! Und ich habe ihn entdeckt! Gleich darauf folgte ein Vortrag bei der Akademie der Wissenschaften, ein Amerikastipendium, im darauffolgenden Jahr fünfzehn Aufsätze, Dissertation, neues Projekt mit meinem Professor ... “Eine glanzvolle Karriere” sagte er, “werden Sie noch Mitarbeiter bei der MDA, dann ist Ihnen ein Lehrstuhl sicher!” MDA – wie sagte er? “Machine Débilisation Active”, keine Ahnung, was das heißt – ich mach’ mir nichts aus Sprachen.

Richterin: Ist das alles? War das dein Leben? Dein ganzes Leben?

Der junge Wissenschaftler: Wie? Ja, das war es. Das ist es ja. Das war’s, war alles, sonst nichts. Wie kann ich Schuld auf mich geladen haben? Ab und zu kam meine Mutter, wusch die Wäsche und spülte das Geschirr und sagte: “Mein Junge”. Nein, sonst gab es nichts, was der Erwähnung wert gewesen wäre. Nur Arbeit. Einsamkeit. Sonst nichts.

Richterin: Worin liegt der Sinn dieser Qual?

Der junge Wissenschaftler: Der Sinn? Nein! Das kann ich nicht ertragen!

Richterin: Ich frage, wem hat deine Arbeit Nutzen gebracht?

Der junge Wissenschaftler: Wie? Nutzen? – Nutzen? – Niemandem. – Doch! Mir!

Richterin: Was hat sie dir für einen Nutzen gebracht?

Der junge Wissenschaftler: Sie hat meinem Fortkommen genutzt, meine Zukunft gesichert. Ach, meine Zukunft!

Richterin: Du hast keine Zukunft, also hat sie dir auch keinen Nutzen gebracht. Keine Zukunft, kein Nutzen. Wir verzeichnen: Nutzen gleich Null. Nun zum Schaden!

Der junge Wissenschaftler: Ich habe keinen Schaden angerichtet. Ich habe doch nur der Wissenschaft gelebt! Da war keiner, den ich hätte schlagen, den ich hätte vergewaltigen können.

Richterin: Was ist mit den Gebeugten, im Staub Liegenden, des Lichtes Beraubten? Was ist mit den Opfern?

Der junge Wissenschaftler: Des Lichtes beraubt? Ja, das war ich. – Aber ich verstehe die Frage nicht.

Richterin: Wußtest du nicht, daß die Ungleichheit die Welt regiert?

Der junge Wissenschaftler: Die Ungleichheit? Nein. Ich habe all meine Bücher fleißig studiert. Das fand ich nicht darin.

Richterin: Wie kann man da vernünftig über Schaden reden? – Nun gut, versuchen wir’s. Wir verzeichnen: Schuld gleich Null. – Und nun geh’, geh’!

VI Initiation

Der junge Wissenschaftler anderer Raum, ohne Hall: Wieder diese Kraft. Eine Gewalt, die mich treibt. Kein Weg. Ich kann nichts sehen. Wohin? Doch ich taumle nicht. – Es ist weit, sehr weit. Wie weit? Mir schwinden die Kräfte. Worauf laufe ich zu? Die Glieder werden mir schwer. Schritt. Schritt. Schritt. – Nicht stehen bleiben! Ich beginne zu verstehen, was “weiter” bedeutet. Weitergehen. Ich weiß jetzt, daß es etwas anderes gibt. Das Andere – ja, da muß ich hin. Nicht stehenbleiben! Das wäre grausam, der Tod. Zum ersten Mal weiß ich, daß ich auf etwas zulaufe. – Immer schwerer wird es mir. Glieder von Stein. Schritt. Schritt. Schritt. – Als würde ich auf mich selbst zulaufen. Ich zu mir. Als müßte ich mit mir selbst aufeinandertreffen. – Und im Rücken die Wüste. Es gibt kein Zurück! Fort! Schritt. Schritt. Schritt.

Chor:
Drei Tore sind es
Durch die der muß hindurch
Der leben wird
Das Tor beschließt das Vorige
Und eröffnet das Kommende

Der junge Wissenschaftler: Es wird Licht. Was sehe ich? Ein riesiges Tor! Wie leicht wird nun der Weg!

Richterin: Deinen Namen vergiß!

Chor:
Denn der Name verführt
Er schmeckt süß, mit der Zeit
Süße der Macht

Der junge Wissenschaftler: Was für ein Sausen und Dröhnen will mir den Kopf zerschmettern? Es ruft mich – doch bei welchem Namen? Wie heiße ich? Wer bin ich? Ein Wissenschaftler? Was ist ein Wissenschaftler ohne Name?

Richterin: Vergiß dein Erdenleben!

Chor:
Die Geschundenen dort
Unbeweglich vor Schmerz
Nur wer sich aus den Ketten der Vergangenheit befreit
Kann unser Retter sein
Sonst bleibt uns nur der Gesang

Der junge Wissenschaftler: Die Bilderflut! Da stehe ich zwischen lauter Theorien, vor unzähligen Fakten. Sie umzingeln mich, schließen sich zusammen, geraten in Bewegung, kreisen um mich: ein Strudel – welch Schwindel! Von überall kriechen noch mehr hervor. Wie sie in Ordnung halten? Die Fratzen – sie rufen: Ich bin eine Meinung! Und hier: Ich auch! Und da: Ich auch! Und jetzt: Ei, ei, wo ist denn die liebe Wahrheit? Ich schreie zurück: Waahrheeit!! – Ruhe. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich mich: Blaß, gebeugt, in beißendem Schweiß, öde, ohne Ausdruck, nur dieser Ekel im Mundwinkel, wie tot. Ich studiere Erklärungsmodelle, Modelle für wissenschaftliche Hypothesen, Hypothesen für wissenschaftliche Modelle. – Was für Hypothesen? Wieso und warum? – Die Wissenschaft kennt kein Warum. Insofern ist sie Wissenschaft. Die Wissenschaft darf kein Wesen kennen, nach ihm darf nicht gefragt werden, nicht nach mir und nicht nach der Welt. – Ich werde blaß und blasser. Sprechen kann ich schon lange nicht mehr. Ich sehe all die Stunden im Lichtkegel der Lampe wieder, bis mir der Kopf schwirrt. Wenn damals ein Mensch in meine Kammer getreten wäre, wäre ich auf der Stelle erstarrt. Doch die Starre kam ohnehin. – Schlaflosigkeit und immer lauernde Angst. Wann suchen die Fratzen mich wieder heim? Weitermachen, nicht fragen, weiter, produzieren, forschen, weiter! – Dann verblassen all die Dinge um mich her, werden so farblos wie ich, ersterben – wie ich, zerbröseln. Ruft verzweifelt Weiter! – Kein Faktum ist mehr zu fassen, kein Modell mehr zu begreifen. Die Sinne schwinden, kein Licht erreicht mein Auge, der Ton schon lange nicht mehr mein Ohr. Neben der Angst bleibt eine unstillbare Sehnsucht. – Wenn doch ein Mensch ... Ruft Nein! – Das war nicht mein Leben. Darf es nicht gewesen sein. Mein Leben? Wozu? Wieder Dunkel. Schritt. Unendlicher Raum. Schritt. Wohin? Schritt. Und ich bin aus Stein. Ganz aus Stein. Schritt. Steif. Kalt. Hart. Schritt. Starr ...

Richterin gewaltig, donnernd: Nimm nun Leben an!

Chor:
Denn die Starrheit
Muß überwunden werden
Für das Neue

VII Utopie

Die Stimme des jungen Wissenschftlers ist in keiner der Stimmen wiederzuerkennen. Die Szene ist bis zum Auftreten der Richterin von einem verselbständigten, verführerischen Summen des Chors begleitet, das bald an-, bald abschwillt. Sprecher 1-10 sind als Multiplikationen des jungen Wissenschaftlers zu denken.

Sprecher 1: Oh!

Sprecher 2: Hier?

Sprecher 3: Ich ...

Sprecher 4: Die Erstarrung weicht!

Sprecher 5: Wärme!

Sprecher 6: Beweglichkeit!

Sprecher 7: Ah!

Sprecher 8: Leben!

Sprecher 9: Frei!

Sprecher 10: O welche Lust!

Sprecher 1: Juchhe!

Sprecher 2: Ist das wirklich wahr?

Chor:
Hierher nur gelangen
Die Verwandelten
Aller Zeiten
Die vor der Richterin standen
Die Eingeweihten
Dort
Wo es keine Zeit gibt
Soll sie neu beginnen ihren Lauf
Sonst bleibt uns nur der Gesang

Sprecher 1: Leute, hört, so laßt uns sein: EIN VOLK!

Alle: Ja! EIN VOLK. EIN EINZIG VOLK!

Sprecher 2: Laßt uns zusammentreten und dies Glück in einen ehernen Vertrag gießen, für alle und für alle Zeit.

Sprecher 3: Nieder mit der Lüge!

Sprecher 4: Her mit der Wahrheit!

Sprecher 5: Von nun an wollen wir unser Leben gemeinsam einrichten.

Sprecher 6: Wir wollen leben!

Sprecher 7: Wir errichten eine neue Welt!

Sprecher 8: Nicht dürre Wissenschaft! Nicht dürre ...

Sprecher 9: Ja, eine schöne neue Welt.

Sprecher 10: In der noch unsere Enkel unser Glück empfinden.

Sprecher 1: Eine Welt, die gut für alle ist. Ein Gesetz, das jeden liebt.

Sprecher 2: Wir schaffen eine echte Gemeinschaft!

Sprecher 3: Alles muß sich diesem Zwecke beugen!

Sprecher 4: Einen Ort freier Menschen, nicht freier Wissenschaft!

Sprecher 5: Wir sind eins!

Sprecher 6: Und jeder arbeitet mit am großen Ganzen.

Sprecher 7: Keiner darf sich entziehen.

Chor: Oh weh

Sprecher 8: Keiner darf anders sein!

Chor: Oh weh

Sprecher 9: Harmonie und Stärke.

Sprecher 10: So wollen wir leben.

Chor: Oh weh

Sprecher 1: Welch eine Botschaft!

Sprecher 2: Wir haben eine Botschaft!

Sprecher 3: Kommt, laßt uns aufbrechen und den Menschen unsere Botschaft bringen.

Sprecher 4: Die Botschaft des Lebens.

Richterin tobend: Halt! Mehr als genug! So geht es nicht. So könnt ihr euer durch eigenes Verschulden zerstörtes Leben nicht einfordern! Ihr falschen Fuffziger. Ihr Möchte-gern-Propheten! Ihr, die ihr nie gelebt habt: So bekommt ihr das Leben nie zurück! Macht, daß ihr wegkommt. Geht mir mit eurer Talmi-Utopie! Was ihr predigt, ist wie eine ansteckende Krankheit. Wissenschaft oder Leben: Der Bazillus ist derselbe. Noch der Hades ist zu schade für euch!

Chor:
Die Richterin aus uralten Zeiten
Sie wankt, sie stürzt, sie bricht
Heimatlos, zeitlos
Vertriebene zwischen Hier und Dort
Harren wir
Der Erlösung
Keiner kann mehr
Unser Retter sein
Es bleibt
Nur
Der Gesang

VIII 3. Gespräch

Kommilitonin: Du? ... Hast du was gehört?

Kommilitone: Wat jibtsn nu wieda?

Kommilitonin: Puh ... Du?

kommilitone: Ick hab fürt erste jenuch jehört. Du und dein bekloppta Wissenschaftler. Solla doch machn wata will. Übrijens, sah doch imma aus wie son Klotz, an dem de janze Welt abprallt, wa? Denkste, die Träjer ham ihn mitm kleenen Finga zu Jrabe jetragn. – Is ooch noch hohl da Olle! Hat sich selbst von innen hea uffjefressn! Da kannste ma sehn, wat deine vaehrte Wissenschaft so allet uffm Kerbholz hat! Ach Welt, ick vaachte dir!

Kommilitonin: Aber hast du denn vergessen, warum wir zu dieser verfluchten Beerdigung gegangen sind? Wir wollten herausfinden, warum er aufgegeben hat. Mich interessiert das brennend. Nach wie vor.

Kommilitone: Warum? Warum, warum stellste imma so blöde Fragn? Is doch klar, hat sich varannt, imma nua Bücha und sonst nüscht. Kann doch nich juttun, und jesund is et ooch nich. Hätt dia ooch nich jutjetan. Jibt ja noch wat andret im Lebn, oda nich? Will doch jeder wat von abhabn, is doch klaa.

Kommilitonin: Was du immer von einer Alternative faselst, will ich wissen. Was soll das denn überhaupt sein, wovon wir alle etwas abhaben wollen. Wenn du mich fragst, ich finde eine saubere wissenschaftliche Beweisführung immer noch etwas Erstrebenswertes, aber gerade deshalb beunruhigt mich sein Tod ja auch so.

Kommilitone: Wenn ihrs nich fühlt, ihr weadets nie erratn!

Kommilitonin: Und wenn sein Tod etwas bedeuten soll? Ich meine, wenn er deshalb gestorben ist, um uns etwas zu vertehen zu geben? Das ist das Schlimmste, wenn man umsonst stirbt, denke ich. – Ich denke immer, die Toten wissen alles. Und ich habe Angst, sie könnten wiederkommen, irgendwann. Das könnten wir nicht aushalten. Ich habe Angst, sie würden kommen und fragen ... und wir könnten nicht antworten, wären gelähmt ... Wie können wir so weiterleben? Ich habe Angst ... Die Toten, die in der Erde sind, wenn die aufstehen würden ...

IX Bedenkliches Ende

Man hört eine Explosion, darauf einen Einsturz.

Eine andere Kommilitonin: Jauchzt

Kommilitone: Du liebe Jüte, da fängt nu ooch noch da liebe Jott an zu furzen!

Chor: Wer wird uns je vernehmen?

Kommilitonin: Wo kommt das her? Das ist die Uni drüben! Da kannst du noch so Witze machen, der Tod des jungen Wissenschaftlers ist ein schlechtes Omen!

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