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Zwischen Engagement und Distanz

Anne Sveva

November 1974: In den Gängen der Pariser Metro sind die Wände mit Plakaten gepflastert, auf denen der gemarterte Körper von Holger Meins zu sehen ist. Es ist das erste Bild von der RAF, das mich erreichte, und sofort beschwor es die Erinnerung an andere Bilder von Deutschland herauf, Bilder von Tausenden von Körpern, die ganz genauso nackt, so ausgezehrt und anonym waren wie der von Holger Meins.

Also konnte man heute auf genau die gleiche Weise sterben wie damals, sagte ich mir und empfand den allergrößten Respekt für die Männer und Frauen, die sich der Gefahr einer solchen Mißhandlung aussetzten. Von den Aktionen und Schriften der Gruppe hatte ich noch keine Ahnung, und wie bei vielen anderen war es zunächst nur die Erbitterung über die Repression, was mich dazu brachte, dem Komitee zur Unterstützung der Gefangenen der RAF beizutreten.

Dort fand ich mich mit Aufgaben konfrontiert, deren festgefügte Monotonie die aller militanten Basisorganisationen der extremen Linken war. Es gab nur wenig politische Diskussionen, die bedingungslose Unterstützung von Theorie und Praxis der RAF diente als ideologischer Kitt zwischen uns. Zweifel und Fragen wurden rasch erstickt aus Angst, niedergemacht zu werden. Ebenso wurde das Unbehagen angesichts bestimmter Verhaltensweisen aus dem Bewußtsein verbannt. All das hinterließ bei mir einen bitteren Geschmack, so als wäre ich insgeheim eine Abtrünnige. Es ist nicht so einfach, sich zum Apologeten der revolutionären Gewalt zu machen, ohne jemals selbst die Grenzen der Legalität zu überschreiten.

Dann kam das Jahr 1977, und noch vor dem Tod der Gefangenen von Stammheim hatte das Pariser Komitee sich aufgelöst: eins seiner Mitglieder hatte sich als ehemaliger Faschist entpuppt. Daß so etwas überhaupt möglich gewesen war, war ein hinreichender Beleg für die Oberflächlichkeit unserer Beziehungen.

Einige Wochen später protestierten Tausende von Demonstranten gegen die Auslieferung von Klaus Croissant, und am 20. Oktober schrien einige Hundert: “Baader war ein Genosse!” Dabei waren wir im Komitee nie mehr als zwölf gewesen. Deshalb irritierte mich diese späte Sympathiebekundung, wie mich auch die Parole selbst irritierte, die genau die Personalisierungsstrategie der Medien mitmachte, die wir unermüdlich denunziert hatten.

Bei der Demonstration vom 20. Oktober trat die französische autonome Bewegung, ein blasser Abklatsch ihrer italienischen Schwester, erstmals in Erscheinung. Mit ihr kündigte sich das Ende der Vorherrschaft der linksradikalen Sekten aller Schattierungen, die aus dem Konkurs von 68 hervorgegangen waren, an.

Ich sah nicht ohne Mißvergnügen, wie die prätentiösen kleinen Bürokraten der Organisationen bei den Kundgebungen ihr Fett abkriegten. 1977 war ich zwanzig Jahre alt und haßte die Arroganz derer, die den “Mai 68 mitgemacht”, Marx und Lenin besser gelesen und verstanden hatten als irgendein anderer und uns von der Warte ihrer knappen dreißig über alles und jedes belehren wollten. Meine kurze Karriere in den “orgas”, den Organisationen, genauer, in einer mao-stalinistischen Partei der schlimmsten Sorte: der PCMLR [ 1 ] hatte ich in übler Erinnerung. Auch während der etwas längeren Mitarbeit im Unterstüzungskomitee hatte ich mich mit dem politischen Aktivismus nicht recht anfreunden können. Letztendlich hatte ich mich immer eher am Rand aufgehalten und mich gegen jede Tendenz zur Vereinnahmung gesperrt, die meine Individualität bedrohte.

Mit der autonomen Bewegung lernte ich die Faszination der kollektiven Gewalt kennen, aber einer eher symbolischen und spielerischen als wirklichen Gewalt. Viele “deklassierte” Jugendliche, denen die elitäre Haltung der Organisationen das politische Engagement vermiest hatte, waren zur Bewegung gestoßen. Dort gehörte die Macht nicht denen, die über die Sprache verfügten, vielmehr versuchte man sich gegenseitig in Antiintellektualismus zu überbieten. Gesprochen wurde fast ausschließlich “verlan” [ 2 ]. Uns drohte eine regelrechte Verarmung der Sprache und des Denkens, und viele waren sich dessen bewußt. Denn unter den Autonomen waren Leute, die auf Intellektualität etwas gaben, die gleichzeitig aber von der verbalen und physischen Gewalttätigkeit der Leute aus den Elendsvierteln fasziniert waren. Ein gewisser Männlichkeitswahn regierte. Frauen waren selten in der Bewegung: Sie trugen Lederjacken, Turnschuhe und Palästinensertuch, indische Röcke und das Violett der Feministinnen waren verpönt.

In diesem Sammelsurium konnten die vielfältigsten Strömungen, aber auch isolierte einzelne zusammenwirken, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren: jeder Versuch, sei’s zu pädagogisieren, sei’s die Macht an sich zu reißen, war von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Autonom sein hieß vor allem, sich nicht in die Demonstrationszüge einzureihen, sondern über die Bürgersteige zu laufen, um irgendwo Plünderungen oder Anschläge auf Geschäfte, Firmen oder die Zentralen diverser Institutionen zu begehen und sich fröhliche Scharmützel mit den CRS-Bullen [ 3 ] oder dem mit dem Schutz der Demonstrationen beauftragten Ordnungsdienst zu liefern.

Am 22. März demonstrierten in Paris die Stahlarbeiter von Longwy und Denain, die seit mehreren Monaten eine außerordentliche Kampfbereitschaft und Entschlossenheit an den Tag gelegt hatten. Wir erwarteten sie mit Ungeduld, und trotz einiger präventiver Verhaftungen durch die Pariser Polizei am Vortag der Demonstration standen viele Autonome bereit, um sich dem Zug anzuschließen, in dem sie die Parole skandierten: Longwy, Denain/nous montrent le chemin! – Longwy und Denain zeigen uns, wo’s langgeht! Die Plünderungen und die Schlachten, sowohl mit den CRS-Bullen wie mit dem Ordnungsdienst der kommunistischen Gewerkschaft CGT, der die Demonstration fest abschirmte, verliefen wie erwartet. Die Repression danach war hart: Haftstrafen, die fallweise zur Bewährung ausgesetzt wurden, und hohe Bußgelder trafen nicht nur die Gewalttäter selbst, sondern auch zahlreiche einzelne Jugendliche, von denen manche bloß Passanten gewesen waren.

Diese Demonstration markierte das Ende einer Epoche, ein Jahr später siegte das Linksbündnis. Die “Demos” brachten uns nicht mehr zusammen, und das Privatleben wurde die einzige Perspektive. Im Umkreis des Komitees hatte ich meine engsten Freunde kennengelernt, und unser Interesse für die Gruppen des bewaffneten Kampfes, besonders die RAF, war nicht erlahmt. Aufmerksam verfolgten wir alle Informationen aus Deutschland oder aus Italien, und die Frage der revolutionären Gewalt bildete das Zentrum unserer Diskussionen.

Der Verzicht auf politische Aktivität war schwer zu ertragen, und ich merkte, wie sich in mir ein unbestimmtes Schuldgefühl entwickelte. Ich hatte zahlreiche Deutsche kennengelernt, die vor 1977 in den Sympathiesantengruppen der RAF aktiv gewesen und heute auf der Flucht, tot oder verhaftet waren. Ich haßte mich selbst, weil ich nie die “Schwelle überschritten” und mich immer vor der endgültigen Entscheidung gedrückt hatte. Es kam mir so vor, als steckte die Feigheit meiner Eltern in mir, die den ganzen Krieg und die Besatzungszeit hindurch die Augen zugemacht hatten. Mein Vater, und das ist bis heute etwas, wofür ich mich schäme, war als Zwangsarbeiter deportiert worden und hatte mir immer beschönigend von Deutschland erzählt. Als ich später bestimmte Bilder sah, war ich nur um so heftiger getroffen. Mit meiner Arbeit über die RAF wollte ich dem Geheimnis der Feigheit auf die Spur kommen. Ich fragte mich nicht, wie eine Minderheit zu den Waffen greifen konnte, sondern warum die Mehrheit sie nicht ergriffen hatte.

Ich interessierte mich für die politischen Wege der ersten Gruppenmitglieder, um herauszufinden, wo der Bruch lag, der Punkt, wo es wirklich nicht mehr möglich ist, einfach so weiterzumachen, wo man nicht mehr mitspielt und nur noch der bewaffnete Kampf übrigbleibt.

Alle RAF-Mitglieder der ersten Stunde hatten die Studentenbewegung so intensiv erlebt, daß der Rückzug in die Privatsphäre, jede Normalisierung unerträglich erschien. Zum Bruch kam es in dem Augenblick, wo die Grenzen zwischen Privatleben, Berufsleben und politischem Leben sich verwischten und die Ablehnung jeglicher Abschottung die totale Zugehörigkeit zur Gruppe, zur gemeinsamen Sache ermöglichte: Die Illegalität erlaubte die Rückeroberung der verlorenen Einheit der Lebenspraxis.

Es gibt keinen typischen Weg: vollständig verschiedene Motive und Situationen standen bei der Entscheidung für den bewaffneten Kampf Pate. Bei allen trifft das ‘Zusammentreffen’ mit ein und demselben Ereignis zusammen: entscheidend war die Studentenbewegung und die Begegnung einzelner untereinander. Ich mußte auf meinen ursprünglichen Plan, vermittels einander kreuzender Lebensläufe über die Gruppe zu berichten, verzichten, da das biographische Material, das ich während eines langen Deutschlandaufenthalts gesammelt hatten, zu spärlich war, als daß ein solches Unternehmen hätte gelingen können. Aber anders als bei den meisten Untersuchungen über die Erscheinungsformen des bewaffneten Kampfes siegte in meiner Arbeit die Empathie über die äußerliche Herangehensweise. Einen zentralen Platz räumte ich der Selbstdarstellung der Gruppe ein, das heißt ihren Texten und dem, was Jahre später, die Beteiligten selbst über ihr Engagement sagen konnten.

Wenn diese Untersuchungen mir über die Jahre zu einer partiellen Kenntnis der RAF verholfen haben – partiell, da die RAF, unbeschadet ihrer Rolle als Studienobjekt, in erster Linie Subjekt bleibt –, so haben sie mir auch geholfen, das Gefühl der Scham und Selbstverachtung zu überwinden, das meiner Unfähigkeit zu jeglichem radikalen Engagement entsprang.

Als Kind passierte es mir gelegentlich, daß ich plötzlich merkte, wie ich um mich herumwirbelte: Mit einer erschreckenden Deutlichkeit nahm ich mich von außen wahr, und dieser Anblick lähmte meine Fähigkeit zu handeln. Das konnte am Familientisch passieren, während eines Spiels oder, am häufigsten, wenn ich mich in einem Geschäft zwischen zwei Kleidern oder zwei Spielzeugen entscheiden sollte. Als Erwachsene habe ich diese Erfahrung noch mehrmals gemacht, aber ohne zu erschrecken. Ich ertappte mich dabei, wie ich mitten in einem Satz, einer Geste innehielt, plötzlich überwältigt von der Absurdität der Situation oder der Bedeutungslosigkeit des eben Gesagten.

Diese Fähigkeit zum geistigen ‘Wegtreten’ kam im Verlauf meiner militanten Karriere öfter zum Tragen und machte mich für das Unzureichende einer Aktion, das Deklamatorische einer Äußerung oder die gelegentlich sogar rührende Lächerlichkeit einzelner besonders empfänglich. Diese Form der amüsierten Distanz gegenüber Dingen und Leuten erleichterte keineswegs die Identifikation mit einer Gruppe oder einem politischen Ziel, allenfalls punktuell bei einem unmittelbaren Anlaß. Genau diese hellsichtige Kälte hat – das weiß ich heute – mich auch stets daran gehindert, mich in einer Umarmung zu verlieren. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich den Grund dafür wissen oder gar davon geheilt werden will. Ich kann mit diesem Mangel an Leidenschaft, der von den Genossen früher oft genug als mangelnde Ernsthaftigkeit verurteilt wurde, leben, ist er doch ein guter Schutz gegen Anmaßung und Blindheit. Dennoch bin und bleibe ich überzeugt von der Notwendigkeit, zu den Waffen zu greifen, hier und jetzt, und diese Notwendigkeit gilt für jeden, der die bestehende Ordnung ablehnt.

Anmerkungen

[ 1 ] Parti Communiste marxiste-léniniste Révolutionnaire
[ 2 ] “Verlan” besteht darin, die Reihenfolge der Silben umzudrehen, wobei die letzte Silbe abgeschwächt wird (z.B. meuf für femme , keuss für sac ...).”Verlan” wird hauptsächlich von einer bestimmten Altersklasse (den 14-16jährigen) gesprochen, in systematischerer Form von Jugendlichen einfacher Herkunft, obwohl auch bürgerliche Jugendliche es beherrschen.
[ 3 ] Compagnie républicaine de sécurité.

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