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Arbeitslos in Dänemark

Monika Brodnicke

Enhver er sin egen lykkesmed!
(Jeder ist seines Glückes Schmied!)

Als ich Langeland mit 16 Jahren zum ersten Mal besuchte, nahm mich die Insel mit ihrer “Busenlandschaft”, den flachen Hügeln, den Feldern, Stränden, kleinen Wäldern, idyllischen Dörfern und Städtchen, den “hyggelige” (gemütlichen) Reetdachhäusern mit blumengeschmückten Gärten und nicht zuletzt wegen der am Straßenrand zur Selbstbedienung angebotenen Gemüse und Früchte gefangen.

Als ich nach Lehrerstudium und Referendariat, nach Wyhl-Widerstand, Jugend- und Stadtteilarbeit sowie etlichen Jahren Wohngemeinschaft in einer großen Schöneberger Altbauwohnung nach Langeland “zurückkehrte” – schwanger, mit Kind und “samlever” (man lese das Wort laut, um zu verstehen, was es heißt), mit vielen Hoffnungen und bescheidenen Sprachkenntnissen – da war mir noch nicht klar: Langeland ist eine Idylle, wo es schöne Landschaft und billige Häuser, aber keine Arbeit gibt.

Die Freundlichkeit, Offenheit und Toleranz der Dänen half mir zunächst, über alle Schwierigkeiten hinwegzusehen. Selten habe ich mich von ganz gewöhnlichen Leuten in dem, was ich mache und denke, so akzeptiert gefühlt wie hier. Jeder hat das Recht, seine eigene Meinung und Lebensweise zu haben. Dieses Freiheitsbewußtsein und Demokratieverständnis ist in allen Dänen tief verwurzelt. Auch wenn es für Außenstehende so aussieht, als äußerten die Dänen sich politisch kaum, gab und gibt es doch eine starke Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, die einen auf den ersten Blick relativ idealen Sozialstaat mit prägt. Über politische Ereignisse im In- und Ausland sind alle einigermaßen informiert, wenn ich auch ein weiteres Engagement kaum bemerke. Das findet eher auf kommunaler Ebene oder innerhalb des umfangreichen Vereinslebens statt. Vor allem aber gehen die Dänen in ihren reichverzweigten Familien auf.

Trotzdem habe ich oft den Eindruck, daß die dänischen Familien – und die Dänen in ihren Familien – recht isoliert leben. Auf Grund der Arbeitsbelastung beider Partner gibt es kaum Zeit für Erholung, geschweige denn um in einem sozialen Netzwerk mitzuwirken und nicht nur freundlich über den nicht vorhandenen Gartenzaun hinweg zu plauschen. Dazu kommt jene Lust am ‘Privatisieren’, sich auf die Familie, den Garten, die Haustiere zu konzentrieren, die womöglich eine allgemeine Erscheinung des Landlebens und nicht typisch dänisch ist. Typisch dänisch aber ist die allumfassende dänische Höflichkeit, die meinem Eindruck nach freilich auch als ein Mittel benutzt wird, um Konflikte zu vermeiden oder zu verdecken. So empöre ich mich beispielsweise über eine vermeidende Zusage – ein in ein verklausuliertes Ja verpacktes höfliches Nein –, die ich als offensichtliche Lüge ansehe, während die Dänen darin nur eine Streß vermeidende und im Grunde von jedem ‘Kommunikationsteilnehmer’ zu erwartende soziale Leistung erkennen können.

Nachdem ich mich einige Zeit als Touristin mit “tilflytter”- (Zugereisten-)Ambitionen gefühlt, das heißt, mein zweites Kind zur Welt gebracht, ein winziges Haus renoviert und die ersten netten Dänen kennengelernt hatte, machte ich mich ernsthaft auf Arbeitssuche. Ich war optimistisch. Ich habe als Lehrerin eine gute Ausbildung, sagte ich mir, und überhaupt viele Erfahrungen auf verschiedenen Gebieten, und wenn ich wirklich Arbeit will, dann finde ich sie auch!

Es sah lange so aus, als sollte ich mit dieser Einstellung gründlich Schiffbruch erleiden. Ich hatte eben vergessen, daß auch in der skandinavischen Idylle, in der übrigens die Frau eine tragende und, zumindest in der Vorstellung der deutschen Nachbarn, geradezu ‘mutterrechtlich’ hochstilisierte Rolle spielt, die alten Strukturen vorherrschen und auf einer Insel wie Langeland vielleicht noch mehr als anderswo, ja, daß das Konservative ein wesentlicher Bestandteil dieser Idylle ist. Aus Deutschland zu kommen, ist außerdem kein Vorteil in einem Land, wo am 9. April, dem Jahrestag des Einmarsches der deutschen Truppen in Dänemark im Jahre 1940, immer noch auf allen öffentlichen und privaten Gebäuden halbmast geflaggt wird und am 4. Mai zur Erinnerung an die Befreiung im Jahre 1945 unzählige Kerzen in den Fenstern zu sehen sind. Die jüngste deutsch-deutsche Politik löst bei vielen Dänen die Schreckensvision eines “vierten Reiches” aus, was meine persönliche ‘Akzeptanz’ nicht unbedingt verbessert hat.

Solcherart mit meinem eigenen Land konfrontiert, wundere ich mich gar nicht mehr so sehr, wenn die dänischen Behörden selbst von Ausländern, die aus der EG kommen, eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung verlangen, die wiederum eine Arbeit voraussetzt, die wiederum eine Genehmigung voraussetzt usw. Immerhin wird durch diese Regelung die offizielle Eingliederung in die dänische Gesellschaft enorm erschwert. Dürfte man nicht drei Monate ohne formelle Genehmigung arbeiten, sähe es ganz schlecht aus. Nach 1½ Jahren erbitterter Arbeitssuche, unermüdlicher Kontaktpflege, hartnäckiger Public-Relations-Arbeit habe ich es wenngleich in höchst zweifelhafter Weise geschafft. In den Durchschlägen der Briefe, die ich regelmäßig an meine Freundin nach Berlin schicke, finde ich in einem Brief vom 27.11.89 folgenden Eintrag:

“Im Moment arbeite ich viel, sehr viel. Ich unterrichte 30 Wochenstunden, alles auf Dänisch, und auch Dänisch als Fach, was ich aber auf technische Fragen beschränke, z.B. wie schreibt man ein Protokoll, oder wie leitet man eine Diskussion, wie beschafft man sich wichtige Informationen, wie schreibe ich Bewerbungen usw. Die Gruppe besteht aus 13 ungelernten “langtidsledige” (Langzeitarbeitslosen) im Alter von 26-52 Jahren, eine herrliche Gruppe mit allem, was dazugehört: die Netten, die Stillen, der Provokateur, die Lacher, die, die alles nicht können, die, die sich dann doch trauen, und alle möglichen anderen Typen. Mir macht es total Spaß! Nachdem ich die Leute für mich gewonnen hatte – u.a. meinte einer, daß er alle Deutschen hasse; eine Frau, die selber einen unglaublich breiten südlangeländischen Dialekt spricht, hatte etwas an meiner Sprache auszusetzen (zu Recht, meine ich, mein Dänisch könnte besser sein, aber immerhin, ich kriege eine Form von Unterricht hin) –, läuft alles ziemlich gut. Abgesehen jedenfalls von äußeren Schwierigkeiten! Zu ihnen gehört, daß die Teilnehmer zu diesem Kurs gezwungen sind. Außerdem ist die Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt, einem der wichtigsten Partner, ehrlich gesagt, mangelhaft. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen dem, was die Teilnehmer wollen könnten, und der hohen politischen Entscheidungsebene, auf der über ihre Bedürfnisse entschieden wird, und ebensosehr zwischen den Kursteilnehmern und den Gewerkschaften. Letztere sind das politische Vertretungsorgan von ca. 97% aller Arbeitnehmer und eben auch der Arbeitslosen. Gerade die letzteren machen aber keinen großen Unterschied zwischen Staat und Gewerkschaft und erwarten von ihrer Interessenvertretung deshalb auch nur eine allgemeine sozialstaatliche Verwaltung des Mangels und keine spezifische, parteiliche Solidarität.

Dazwischen bin ich mit meinen Ideen und meiner Erfahrung von Berlin-Kolleg und undogmatischer Jugendarbeit in der Bundesrepublik! Immer wieder wird mir der Kulturschock bewußt, muß ich mich erneut damit abfinden, daß die Dänen so konfliktscheu und unoffen sind, daß ich oft mit Halb- oder Unwahrheiten abgespeist werde ... Ich spiele also angestrengte Lehrerin mit Erfolgserlebnissen, und mein “kaerester” (Liebster) mit Vergnügen den Hausmann ...”

In einem Brief vom 12.1.90 finde ich folgende Bemerkung: “Ab morgen werde ich vier Stunden die Woche an der ‘Daghoejskole’ in Rudkoebing Deutsch unterrichten. Die “Tageshochschule” ist ein viermonatiger Kurs für Leute mit Tagesfreizeit, also Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Hausfrauen, Rentnerinnen usw. Alle Angemeldeten sind Frauen, was kein Zufall ist. Die Männer lassen sich hier nicht so schnell auf solch ein neues Kursangebot ein, das bestätigen auch die Erfahrungen von Daghoejskolen in anderen Landesteilen. Die Fächer reichen von Dänisch, Mathematik, Deutsch, Umwelt, Handarbeit und Werken bis zu Bewegung und Sport”.

Eigentlich hatte ich mich auf die Arbeit gefreut, aber nun gerate ich in die Fallstricke des hochsozialen dänischen Systems: ich hatte mich nämlich arbeitslos gemeldet und bekam Arbeitslosengeld. Wer arbeitslos ist, soll aber nicht arbeiten, sondern “skal holde lavt profil” (das bedeutet: niedriges Profil halten, nicht weiter auffallen). Was ist damit gemeint?

Von Deutschland daran gewöhnt, bei Arbeitslosigkeit auf das Einkommen der Eltern verwiesen zu werden, erscheinen die sozialstaatlichen Verhältnisse in Dänemark auf den ersten Blick paradiesisch. Jeder, ganz gleich ob er Däne oder Ausländer ist, kann nach einem Jahr Mitgliedschaft in der Arbeitslosenkasse, die fast immer mit der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft gekoppelt ist, und nach dem Ansammeln einer bestimmten Zahl von Arbeitsstunden Arbeitslosengeld beziehen, und das über viele Jahre hin. Wenn man sich nach einem möglicherweise längeren Lernprozeß besser auskennt, weiß man, daß 663 Arbeitsstunden für Teilzeit- und 998 Arbeitsstunden für Vollzeitarbeitslosengeld ausreichen. Dessen Höhe hängt von Art, Dauer und Bezahlung der jeweiligen Arbeit ab. Der Höchstsatz, den allerdings sehr viele erreichen, liegt bei ca. 104 DM/Tag an 6 Tagen in der Woche. Diese Leistung wird längstens 2½ Jahre bezahlt, dann muß der Betreffende ein sieben- bis neunmonatiges “jobtilbud” (ABM-Job) annehmen, nach dem er weitere 2½ Jahre Arbeitslosengeld oder “fagfoereningslon” (Gewerkschaftslohn) beziehen kann. Dazwischengeschoben wurde erst kürzlich ein ca. viermonatiger UTB-Kursus (Uddannelsestilbud – Ausbildungsangebot), der die Voraussetzung für ein neues jobtilbud und danach weitere 2½ Jahre finanziell abgesicherter Arbeitslosigkeit ist.

Bedingung ist freilich, daß man gar nicht arbeitet, weder bezahlt, noch unbezahlt. Jede Arbeitsstunde wird vom Arbeitslosengeld abgezogen, und hat man ein bißchen zuviel gearbeitet, kann es sein, daß die höchst komplizierten Rechnungen, die nur die Beschäftigten bei den Arbeitslosenkassen verstehen, ergeben, daß man gar kein Arbeitslosengeld für die betreffende Woche bekommt.

Mein Aktivismus erklärt sich zwar leicht aus der Diskrepanz zwischen Arbeitsbedarf und vorhandenem Arbeitsvolumen – auf Langeland gibt es über 20% Frauen- und gut 12% Männerarbeitslosigkeit –; er führt auf der anderen Seite aber dazu, daß ich Arbeiten angeboten bekomme, die ich der dänischen Logik zufolge, wenn ich nämlich auf mein volles Arbeitslosengeld kommen will, eigentlich ablehnen müßte: vier Wochenstunden Deutschunterricht, einzelne Tage oder Stunden Aushilfe im Kindergarten oder in der “Efterskole”, einer freien Schule für 14-16jährige, einzelne Stadtführungen, etwas Übersetzungsarbeit, etwas Mutter-Kind-Gymnastik etc.

Da ich aber ohne ein gewisses Maß an Aktivismus gar nicht auskomme und mir künftige Arbeitsmöglichkeiten erhalten will, habe ich inzwischen “lidt af hver” (etwas von allem) probiert und mich damit abgefunden, daß ich auf diese Weise mein Arbeitslosengeld reduziere. Meine dänischen Bekannten und vor allem meine arbeitslosen Kursteilnehmer stehen meinem Verhalten fassungslos gegenüber: Ist sie übergeschnappt, oder kann sie nur die deutsche Betriebsamkeit nicht ablegen? Dazu kommt natürlich, daß wir unsere Kinder betreuen müssen – ein Kindergartenplatz kostet ca. 260 DM –, und um das Maß unserer Beschäftigungen vollzumachen, haben wir ein altes Schiff gekauft, mit dem wir Touristen übers Meer segeln wollen. Das Schiff kostet Geld, lange bevor es welches einbringt, es zu vermarkten erfordert vor allem Einfallsreichtum und Zeit. Eine noch vor der Saison, im Februar und März unternommene private Erkundungstour zu den soeben geöffneten Ostseehäfen der DDR war zwar spannend, aber unser Versuch, sie journalistisch zu verwerten, konfrontiert uns neben der Aussicht auf ein bescheidenes Salär mit dem gesamten Streß – und nicht zuletzt mit den Computererfordernissen – des modernen Medienbetriebs.

In dänischen Augen ist so viel “Action” völlig verfehlt. Entweder hat man Arbeit, der man “stille og roligt” (still und ruhig) nachgeht, oder man ist arbeitslos, dann nimmt man das Leben noch mehr “stille og roligt”, richtet sich mit seinem Arbeitslosengeld und den diversen jobtilbuds ein, geht seinen Interessen nach und nimmt nur Arbeit an, wenn es sich um streng verbotene Schwarzarbeit oder gutbezahlte Vollzeitarbeit handelt.

Die eigene Initiative ist in Dänemark kaum gefragt, über alles wird bestimmt, alles erfolgt in genau festgelegten Bahnen. Entscheidungen werden hierarchisch, das heißt grundsätzlich von anderen getroffen. Selbst das selbstverdiente Feriengeld bekommt man nur in bestimmten Zeiträumen, nach vorherigem Antrag und nur in bestimmter Höhe ausgezahlt – eine Maßnahme, die zum Besten der Arbeitnehmer gedacht ist, schließlich sollen sie sich 5 Wochen erholen und nicht “durcharbeiten” und das Feriengeld für andere Bedürfnisse verwenden.

Arbeitslose bekommen die sozialstaatliche Bevormundung am meisten zu spüren. Das Arbeitsamt bestimmt, wann und oft auch an welchem UTB-Kurs der einzelne teilnehmen muß. Das führt in den meisten Fällen dazu, daß die Teilnehmer die Fachrichtung der Ausbildung gar nicht leiden können oder daß ein ausgebildeter Schweißer in einen einführenden Kurs im Metallbereich gesteckt wird. In diesem Kurs sitzt er dann beispielsweise mit einer Rudolf-Steiner-Pädagogin zusammen, die eine auf eigene Initiative begonnene Ausbildung an einer Kunstschule abbrechen mußte, weil sie um 1½ Wochen zu kurz ist, während der UTB-Metall-Kurs die richtige Länge hat.

Ein junger Mann hatte sich um einen selbstorganisierten UTB-Platz am Museum bemüht und diesen sogar bekommen. Aber er wird für seine Initiative bestraft; denn im Gegensatz zu den Teilnehmern an einem staatlichen Kurs bekommt er keinen Fahrtkostenzuschuß. Andere Kursteilnehmer haben auf Saisonarbeit verzichten müssen, mit der sie zwar nicht auf die nötige Arbeitsstundenzahl, dafür später vielleicht zu einer Vollzeitarbeitsstelle gekommen wären.

Viele Dänen, die ja in diesem System aufgewachsen sind, können meine hektische Arbeitsuche und den Wunsch nach einer selbstbestimmten Zukunft nicht verstehen. Sie nehmen die Fremdbestimmung wenn auch murrend hin. Schließlich garantiert sie ein bequemes Auskommen. Ich wiederum habe Schwierigkeiten mit der passiven “dänischen” Haltung, alles zu nehmen, wie es gerade kommt, ohne eigene Ideen dagegenzusetzen.

Vielleicht bin ich deshalb gerade die Richtige, um UTB-Kurse zu unterrichten.

Offizielle Begründung für diese Kurse, die durch einen Vergleich der Sozialdemokraten mit der konservativen Regierung ins Leben gerufen wurden und deren Teilnahme die Arbeitslosen nur unter Verlust des Arbeitslosengeldes verweigern können, ist natürlich die Verringerung der Arbeitslosenzahlen. Auf die Arbeitsplätze, die durch das “Unternehmen UTB” selbst geschaffen werden, trifft das sogar zu. Ein gigantischer Apparat von 4 Ministerien, 100 Ausschüssen und 1000 verschiedenen staatlichen Stellen, einschließlich des Arbeitsamtes, verplant, verwaltet und verbraucht ca. 9 Milliarden Kronen; zuletzt werden die Kurse an verschiedene berufs- und allgemeinbildende Schulen verkauft, die Arbeitslose wie mich “von der Straße holen”, um andere Arbeitslose zu unterichten.

Auf Langeland fand der erste UTB-Kursus, “mein Kursus”, übrigens mit Kaffee und “rundstykker” (Brötchen) unter der Regie der AOF (Arbeiter-Aufklärungs-Verband) statt, der sozialdemokratisch und gewerkschaftlich orientierten Volkshochschule – Volkshochschulen haben hier eine länger zurückreichende und wichtigere Bedeutung als in der BRD und sind nicht kommunal organisiert, sondern werden von Parteien und Verbänden in Konkurrenz oder Ergänzung betrieben.

Mich hat die Aussicht, ein ganz neues Konzept zu entwickeln und auszuprobieren, sehr beflügelt, ich habe von meinen Teilnehmern viel über verschiedene Lebensauffassungen gelernt und mich dabei für die nächsten UTB-Kurse in diesem, möglicherweise im nächsten Jahr qualifiziert.

Ob und für was sich dagegen meine Teilnehmer, vor allem Frauen, qualifiziert haben, ist noch die Frage. Auf jeden Fall habe ich versucht, trotz des Zwangscharakters der Veranstaltung eine Zeit des Wohlergehens und der Erfolgserlebnisse zu schaffen, was bei vielen zu einer deutlichen Zunahme des Selbstbewußtseins führte. Auch in Dänemark wird jeder Arbeitslose persönlich für sein Schicksal auf dem Arbeitsmarkt verantwortlich gemacht, und die offizielle Begründung für die Kurse geht ja wieder in die gleiche Richtung: Wenn du nur deine Kurse brav absolvierst, wirst du auch Arbeit finden.

Anfangs verzweifelte ich wegen der Unwilligkeit, mit der die Kursteilnehmer auf die, wie ich meinte, guten und vielfältigen Kursusangebote reagierten. Später verstand ich besser, daß sie die Kurse für Zeitvertreib halten, was die Angestellten des Arbeitsamtes ihnen auch bestätigten: “Ihr braucht einfach nur anwesend zu sein, das ist genug.” Die Betriebe kümmern sich denn bei der Einstellung neuer Mitarbeiter auch kein Stück um ausgestellte “Kursusbeviser”.

Bei unseren zahlreichen Betriebsbesuchen haben wir uns dem langeländischen Arbeitsmarkt und dem der näheren Umgebung genähert, um festzustellen, daß die Arbeitsbedingungen zum Teil wirklich hart und ungesund sind und der Arbeitslohn im Verhältnis zum “fagfoereningslon” (Gewerkschaftslohn) nur wenig höher liegt. Oft ist die Arbeit, die die Arbeitslosen als “jobtilbud” bekommen, ungleich spannender und abwechslungsreicher als die “normale” Arbeit. Pervers ist die Tatsache, daß diese guten Arbeitsplätze langtidsledigen als ABMlern vorbehalten bleiben, da die Institutionen auf diese Weise normale, und d.h. auch normal teure Stellen sparen.

In allen Branchen, in denen die Prognosen einen Zuwachs voraussagen, vor allem in metallverarbeitenden Betrieben und in der Bauwirtschaft, findet sich nur eine kleine Anzahl Frauen, meist im Büro, und die Einstellung der Arbeitgeber und Werkführer geht in keinem Fall dahin, Frauen und dazu noch ungelernte und ältere Frauen zu beschäftigen.

Möglicherweise werden sie in Kürze aber dazu gezwungen sein, da die Prognosen für die nächsten zehn Jahre einen markanten Rückgang der Schulabsolventen voraussagen, was dazu führen könnte, daß verstärkt Ältere, Ungelernte und Frauen in Männerdomänen auf den Arbeitsmarkt kommen – falls, ja falls das Kapital nicht wieder auf andere Lösungen wie z.B. auf die Einladung von Gastarbeitern verfällt.

Diese Tatsache ist wahrscheinlich einer der wirklichen Gründe für die pädagogischen Aufmerksamkeit, die der Staat seinen Arbeitslosen zukommen läßt: Die Reservearmee ist zu schlecht ausgebildet, um jederzeit mobilisiert zu werden – viele haben nicht mal einen Volksschulabschluß –, der Krankenstand ist hoch, kurz, die Arbeitslosen sind für die Gesellschaft zu teuer. Nicht zuletzt mit Hilfe der UTB-Kurse sollen ihre Qualifikationen den Anforderungen des Arbeitsmarktes angepaßt werden, was übrigens auch die Gewerkschaften fordern, und gleichzeitig gibt es politische Versuche, das Arbeitslosengeld herabzusetzen, selbstverständlich von konservativer Seite aus. Ob wohlmeinend oder zynisch: Wieder einmal wird die Hauptverantwortung für die Arbeitslosigkeit auf die Arbeitslosen abgeschoben.

Trotz ihrer wahrhaft trostlosen Perspektive und Funktion bieten die Kurse meiner Ansicht nach aber auch die Möglichkeit, die Isolierung der Arbeitslosen zu durchbrechen und ihnen zu helfen, sich auf ihre eigenen Interessen zu besinnen und eigene Forderungen zu stellen, eine Aufgabe, die gerade in Dänemark auf Grund der speziellen Sozialstaatserziehung ebenso dringend notwendig wie schwer zu lösen ist. Vielleicht haben sie ja recht, die “passiven” Dänen, und alle Ausbildungs- und Arbeitsförderungsprogramme gehören auf den Misthaufen der Geschichte! Vielleicht gibt es aber doch den einen oder anderen – die “Lehrerin” eingeschlossen –, der sich mit einem aktiven Leben auf dem Arbeitsmarkt glücklicher fühlt. Oder wird letztendlich sogar die Lehrerin versuchen, mit dem Unterricht von UTB-Kursen genug Stunden für ein Vollzeitarbeitslosengeld zusammenzubekommen, um 2½ Jahre lang Kinder und Garten zu betreuen und danach endlich ihren Wunschjob beim “Langelands Museum” anzutreten, und sei es wiederum nur für die berühmten sieben Monate? Die Versuchung ist groß.

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