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Einleitung

Ilse Bindseil

Betrachtet man das, was herkömmlicherweise als ‘Frauenfrage’ bezeichnet wurde, im Licht und vom Standpunkt der allerjüngsten Entwicklung, dann bleibt wenig anderes, als zu sagen: Sie, die ‘Frauenfrage’ nämlich, ist gegessen. Bis vor kurzem galt die Überzeugung, nachdem die lohnabhängige Mehrheit ein Jahrhundert lang ihre Chance gehabt und vertan habe, sei das Jahrhundert der – um Berücksichtigung nachsuchenden, nicht um die Macht konkurrierenden – Minderheiten angebrochen. Das ist innerdeutsch spätestens seit dem Abriß der Mauer, innereuropäisch und atlantisch seit der Liquidierung des Ost-West-Konflikts vorbei. In unmißverständlicher Weise hat im klassischen Europa die Mehrheit ihre Forderungen durchgesetzt, und was als Minderheit künftig berücksichtigt werden will, taucht am uralten Ort – nämlich an den Rändern – und in uralter Gestalt wieder auf, als nationales Bewußtsein, Separatismus: Slowenien, Estland, Berg Karabach.

Den Frauen wird durch diese Entwicklung erneut ihr Dilemma vor Augen geführt, sind sie doch nur ideologisch – oder, wie man will, moralisch, politisch – eine Minderheit, die Mehrheit zu sein bedeutete für sie paradoxerweise aber soviel wie zu verschwinden. En miniature, aber darum nicht weniger drastisch hat das bereits die rot-grüne Berliner Koalition vorgeführt, in der die Grünen als heimliche Bürger und die Frauen, ja die Frauen, als heimliche Mehrheit, unsichtbarer Kitt, gesellschaftliche Klebemasse, parteilose Allroundfunktionäre, Nichts und Alles entlarvt wurden und die ‘Frauenfrage’ in der Versenkung verschwand. Heute, wo es um die Kapitalisierung der DDR – und des gesamten ehemaligen Ostblocks – geht, ist die Sache aussichtsloser denn je. Was wollen die Frauen machen: sich die Forderung des Tages, einen übergreifenden europäischen Markt zu schaffen, zu eigen machen – wenn auch nur nach Art und Grad des gesellschaftlichen Bedarfs an ihrer Beteiligung an diesem Projekt – oder aber unübersehbar individuell, wenn auch etwas verschämt, denn sie sind nun mal die Hälfte und damit dem Allgemeinen näher als dem Besonderen, beiseite stehen?

Glücklicherweise ist die Alternative nur akademisch; denn wenn die Frauen von diesem historischen Augenblick überhaupt etwas lernen können, dann dies, daß es, ‘zurückgerechnet’, vermutlich schon da, wo sie sich selbstbewußt und mit dem Anspruch auf Selbstbestimmung, freie, subjektive Äußerung, zu Wort meldeten, nur um ihre Vernutzung ging; wie käme es sonst zustande, daß sie, kaum hat sich die Historie ein wenig gewendet, unerledigt, wie sie als ‘Frauenfrage’ nach wie vor sind, zu den Akten gelegt werden, und wie kommt es, daß sie sich beinahe widerspruchslos fügen? Wie lautet die allgemeine, die poetische, die unglaublich affirmative Sprachregelung? “Der Wind bläst den Frauen ins Gesicht.” Ja aber, du lieber Himmel, wer ist der Wind? (Und warum ist es in der modernen Frauenbewegung geradezu verpönt, den Pragmatismus für einen Moment beiseite zu lassen und die Gretchenfrage zu stellen – was, wie der Name sagt, doch eine exquisit weibliche Aufgabe wäre?)

In dieser Situation einer eher beiläufigen Entlarvung der ‘Frauenfrage’ als Scheinproblem, ein nach einer Konstellation, die alles andere als selbstbestimmt weiblich ist, opportunistisch bald nach oben, bald nach unten gespültes Problem, wird ein Buch vorgelegt – mit dem kühnen Versprechen, es nicht bei dem einen belassen zu wollen –, das dem Feminismus ursprünglich die Idee einer unexplizierten, aber jedenfalls nicht feministischen Weiblichkeit entgegensetzen wollte und sich nun, will es in den Konkurs der ‘Minderheiten’ nicht mit hineingezogen werden, ohne die Suggestion der Abgrenzung, den erleichternden Vergleich, bewähren muß. Worauf wollten wir uns bei unserem ebenso weiblichen wie wenig feministischen Projekt eigentlich berufen?

Um es kurz zu machen: auf das in den Frauen vorhandene Widerstandspotential, definiert als eine wie immer unfreiwillig erworbene, aber, um es mit einem Wort von Christiane Ensslin zu sagen, gegen “Käuflichkeit” immun machende Mischung aus Kompetenz und Ohnmacht, Erfahrung und Erfolglosigkeit, Praxis und Askese. Ein Widerstandspotential, das – ich glaube, davon zeugen alle Beiträge – tatsächlich zu sehr erlitten wurde, um je nach der Mode des Tages in eine ‘machtvolle Bewegung’ umgedeutet zu werden, und das – auch davon zeugen die Beiträge – zu teuer erkauft wurde, um auf einen Nebenschauplatz, einen Kulturschauplatz, ein wie immer existentiell aufgemotztes, medien- und skandalgestütztes, fernseh- und “Spiegel”-gerechtes, personalstoryträchtiges und pornographieverdächtiges Rand- und Seitenthema billig abgelenkt und von ihm zum Wohl der bestehenden Verhältnisse absorbiert zu werden.

Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis macht deutlich: Hier geht es samt und sonders nicht um die Selbstdarstellung von Opfern, sondern um Vermittlungen. Um es einmal so zu sagen: Keine Autorin hätte von selbst dieses Thema gewählt, hätte es sich ihr nicht förmlich aufgedrängt. Alle wären kompetent eigentlich auf einem anderen Gebiet und in einer anderen Form: würden lieber Musik machen als über Schulmusik schreiben, lieber in ‘Arabien’ Feldforschung treiben als im Asylantenheim Windeln verteilen, lieber feinsinnig Psychoanalyse machen als ‘grobschlächtig’ den Medizinbegriff auseinandernehmen, lieber in der Bundesrepublik regulär Deutsch und Politische Weltkunde als in Dänemark Arbeitslosenprogramme unterrichten, lieber Industriesoziologie lehren als sich von der Industrie umschulen lassen, lieber über das 18. Jahrhundert philosophieren, ohne dabei von der Gegenwart eingeholt zu werden, lieber sinnvolle Wissenschaft vermitteln als ‘sinnlose’ Hörspiele schreiben, sich lieber einsprachig ordentlich ausdrücken als zweisprachig stümpern, lieber Amok laufen als Auskunft geben, lieber leben als lernen und lieber lernen als ‘superlernen’, lieber über das eigene Leben als über den – so oder so – gewaltsamen Tod von Stammheim nachdenken, lieber, ja was eigentlich? – jedenfalls etwas anderes tun als ausgerechnet Leserbriefe schreiben ... Für das unter ‘lieber’ Einzusetzende ließen sich noch beliebig Alternativen finden, für das, was sich im Leben der einzelnen Autorin eher eingeschlichen als ‘eingesetzt’ hat, natürlich nicht. Konsequent hatte sich, einmal das entscheidende Problem, die entscheidende Niederlage, die entscheidende Fremderfahrung, die entscheidende Grenzerfahrung ins Auge gefaßt, das Thema konstituiert, konnte von Ausbüxen, taktischem Wechsel nicht mehr die Rede sein. Was man nicht erfliegen kann, das muß man erhinken; Freuds Lieblingszitat aus der Bibel gilt keineswegs nur für den gedanklichen Fortschritt. Was die in diesem Band versammelten Frauen – während sie vermutlich ununterbrochen vom Fliegen träumten – erhinkt haben, das sollte aufs Papier, und daß sie es aufschrieben, das sollte das Fliegen sein, eine (Reflexions-)Tätigkeit mit ungewissem Ausgang, ein Stück wirklicher Befreiung, so daß das Traumthema gerechtfertigt ist: von Theorie bis Anarchie!

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Was das Buch anbelangt, so wäre es ohne eine uralte Erinnerung an “Die Kinder von Sanchez”, eins der ersten, noch unkorrumpierten Beispiele von ‘oral history’ und Psychogramm, ohne die ein wenig jüngere Erinnerung an “Fragen Sie mehr über Brecht”, dieses Musterbeispiel einer offenen, dualen Reflexion, nicht einmal der Idee nach zustande gekommen; wobei, was nämlich das Vertrauen in die Tragfähigkeit eines weiblichen, gleichwohl nicht feministischen Konzepts angeht, die Erinnerung an ldquo;Bauchlandungen” [ 1 ] das beherzte Projekt Freiburger Sozialwissenschaftlerinnen, eine wichtige Rolle gespielt hat.

Was das praktische Bedürfnis, ein solches Buch zu machen, betrifft, so halten sich resignative – auf abschließende Dokumentation, ‘Testament’ zielende – Motive und freche Mobilisierungsgelüste in etwa die Waage, und es müßte Spaß machen zu sehen, wie sich in einem weiteren und noch einem folgenden Band das prekäre Verhältnis womöglich verschiebt.

Nicht weniger ambivalent ist die gewählte ‘offene’ Form. Mag es als Inbegriff ‘weiblicher’ Freiheit empfunden werden, unakademisch zu schreiben, sich über vermeintliche Gattungsgesetze hinwegzusetzen, einer Reflexion – frei nach Brecht – einen literarischen Hintern, einer literarischen Idee eine reflexive Seele zu verpassen, sich nicht zu scheuen, einmal Herausbekommenes wieder aufzudröseln oder, was man nicht allein herausbekommt, im Gespräch zu eruieren: ebensosehr ist es ein Zeichen von Deformation. In Anspielungen zu reden, wo man sich im Klartext ausdrücken könnte, sich hinter dem Exotismus einer erkennbar fremden Sprache zu verstecken und das ‘Licht’ der eigenen zu scheuen, Ergebnisse jederzeit in Frage stellen zu lassen, statt auf die innere Stringenz der Argumentation zu vertrauen, Lebensgeschichtliches und Objektives zu vermischen, anstatt darauf zu vertrauen, daß in der ‘sauberen’ Form das eine im andern ohnehin enthalten sei, das alles kann man als ‘weiblich-geniale’ Unbefangenheit bezeichnen: Unter der Voraussetzung, daß hier nicht gesellschaftliche Opfer über ihre Leiden reden, sondern beschädigte Subjekte Vermittlungen darstellen, scheue ich mich nicht, von ‘Macken’ zu sprechen. Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken. Die Schrift sagt, es ist keine Sünde zu hinken. Aber sie sagt auch nicht, daß man es als Fliegen ausgeben muß.

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Der Beitrag über Superlearning ist auf Grund eines Krankheitsfalls in der Familie der Autorin nicht zustande gekommen. Ich hatte Karla Schröder gebeten, in einem Interview von ihren sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit Superlearning zu berichten. Ihre privaten Lernerfahrungen wollte sie kontrastieren mit dem, was sie über die Entstehung von Superlearning aus den Bedürfnissen von Großindustrie und ehemaligem Ostblock weiß. Die auf den ersten Blick ebenso rätselhaften wie auf den zweiten selbstverständlichen und jedenfalls empirisch beglaubigten Verbindungen zur sogenannten Meditation sollten nicht unberücksichtigt bleiben. Wir können nur hoffen, daß diese Andeutungen speziell fortbildungshungrige Lehrerinnen anregen, sich zu informieren, bevor sie ‘genießen’.

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Ich stelle die Autorinnen vor:

Monika Brodnicke (geb. 1955) ist Lehrerin und lebt auf der Insel Langeland. Wiebke Fritze (geb. 1953) und Ludmila Hanisch (geb. 1947) sind Soziologinnen, Ute Bublitz (geb. 1961) ist Sprachwissenschaftlerin, Monika Noll (geb. 1942) Übersetzerin. Alle leben in Westberlin. Christiane Ensslin (geb. 1939) ist Redakteurin, Martina Schmitz-Weiss (geb. 1951) lehrt Sozialmedizin. Beide leben in Köln. Die französische Soziologin Anne Sveva (geb. 1957) lebt in Paris. Anita Liepert ist Philosophin in Ostberlin; Michèle Lingfeld (geb. 1943) lebt mit ihren Kindern in Westberlin; Susanne Jüdes (geb. 1951) leitet den Westberliner Eisler-Chor. Sie ist, ebenso wie Karla Schröder (geb. 1953) und ich (Jahrgang 1945), an einer Westberliner Gesamtschule Lehrerin.

Ich danke Monika Noll für die geduldige Beratung bei allen französischen Problemen.

Anmerkungen

[ 1 ] Oscar Lewis, Die Kinder von Sanchez, Düsseldorf/Wien, 1964. Hanns Eisler, Fragen Sie mehr über Brecht. Gespräche mit Hans Bunge, Darmstadt und Neuwied 1986. Monika Häussler, Cornelia Helferich, Gabriela Walterspiel, Angelika Wetterer, Bauchlandungen. Abtreibung, Sexualität, Kinderwunsch, München 1983.

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