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War die Rote Armee Fraktion eine bewaffnete K-Gruppe

Jens Benicke

Seitdem die Protestbewegung ab Mitte der sechziger Jahre begonnen hat, ihre Kritik praktisch auf der Straße zu artikulieren und es dabei immer wieder zu Konflikten mit der Ordnungsmacht kommt, ist die Frage der politischen Gewalt ein Thema der Protestierenden. Auch in diesen Debatten spielt ein Vertreter der Kritischen Theorie eine bedeutende Rolle. Herbert Marcuses argumentiert in seinem in der Protestbewegung stark rezipierten Essay “Repressive Toleranz” folgendermaßen:

“Aber ich glaube, daß es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein lsquo;Naturrecht‘ auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Gesetz und Ordnung sind überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche die etablierte Hierarchie schützen; es ist unsinnig, an die absolute Autorität dieses Gesetzes und dieser Ordnung denen gegenüber zu appellieren, die unter ihr leiden und gegen sie kämpfen. […] Wenn sie Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte.” [ 1 ]

Aber Marcuse warnt, Gewalt dürfe nur ein Mittel sein, um die herrschende Gewalt zu überwinden, und sich nicht als eigener Zweck setzen. Keinesfalls dürfe sich die Protestbewegung auf das Terrain militarisierter Auseinandersetzungen mit dem Staat begeben. Nicht nur weil sie dieser Konfrontation nicht gewachsen sei, sondern auch weil sich darin der emanzipatorische Gehalt verliere.

Mit der Erschießung Benno Ohnesorgs durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 bekommt die Gewaltfrage innerhalb der Bewegung eine brisante Aktualität, auch wenn die Proteste zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend gewaltfrei verlaufen. Aber nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 kommt es in vielen Städten der Bundesrepublik zu Straßenschlachten mit der Polizei, in deren Verlauf zwei Menschen getötet werden. Damit wird die bis dahin größtenteils abstrakt geführte Gewalt-Diskussion massenhaft konkret umgesetzt.

Doch aus den Diskussionen der Protestbewegung über die Frage der Gewalt haben sich inzwischen eine Reihe militanter Gruppen gebildet, die zahlreiche Anschläge verüben. Dazu gehören unter anderem die “Haschrebellen”, “der Blues” und in verschiedenen Städten die “Tupamaros”. Diese eher anarchistisch orientierten Gruppierungen, deren Mitglieder sich zum Teil aus dem subproletarischen Milieu rekrutieren, entstehen größtenteils nicht aus dem politisch-aktiven Kern der Studentenbewegung, sondern aus der inzwischen um die Studentenbewegung herum entstanden Subkultur.

Am 2. April 1968, legen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein aus Protest gegen “die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber den Morden in Vietnam” [ 2 ] Brandsätze in zwei Frankfurter Kaufhäuser. Die Täter werden bereits drei Tage später festgenommen und im Oktober zu je drei Jahren Haft verurteilt.

Im Juni 1969 werden die Brandstifter bis zur Entscheidung über eine Revision des Verfahrens auf freien Fuß gesetzt. Als diese abgelehnt wird, kommen Gudrun Ensslin und Andreas Baader der Aufforderung, ihre Strafe anzutreten, nicht nach und gehen in den Untergrund, um eine militante Gruppe aufzubauen. Andreas Baader wird schließlich am 4. April 1970 bei einer Verkehrskontrolle verhaftet, doch bereits am 14. Mai wieder gewaltsam befreit. Anschließend erscheint in der Zeitschrift “agit 883” eine Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders, die mit der Parole “die Rote Armee aufbauen!” [ 3 ] endet. Die damit erfolgte offizielle Gründung der “Roten Armee Fraktion” (RAF) bedeutet für ihre Mitglieder nunmehr den endgültigen Schritt in die Illegalität. Im Juni und Juli 1970 halten sich ihre Mitglieder in einem Ausbildungslager der “PeopleĀ“s Front for the Liberation of Palestine” (PFLP) in Jordanien auf, in dem sie eine militärische Schulung bekommen. Nach ihrer Rückkehr in die Bundesrepublik verübt die RAF eine Reihe von Banküberfällen zur Stabilisierung ihrer illegalen Struktur. Doch bereits im Oktober 1970 werden Horst Mahler, Brigitte Asdonk, Monika Berberich, Ingrid Schubert und Irene Goergens wegen Mitgliedschaft in der RAF verhaftet. Ab dem April 1971 erscheinen mit dem “Konzept Stadtguerilla”, “Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa” und “Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf” die ersten ausführlichen Positionspapiere der Gruppe.

Der Staat reagiert auf diese Herausforderung der bewaffneten Gruppen mit einem in der Bundesrepublik bis dato nicht gekannten Fahndungsaufwand. In deren Verlauf gibt es am 15.Juli 1971 mit dem RAF-Mitglied Petra Schelm das erste Todesopfer, dem in der Folgezeit auf beiden Seiten zahlreiche weitere folgen. Im Mai 1972 beginnt die RAF ihre so genannte “Mai-Offensive”, in deren Verlauf sie Anschläge auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main, auf das Polizeipräsidium in Augsburg, gegen den Richter des Bundesgerichtshof Buddenberg, auf das Hamburger Springer-Hochhaus und auf das Heidelberger Hauptquartier der US-Armee verübt. Dabei werden vier Menschen getötet und mehrere Dutzend verletzt.

Im Juni und Juli desselben Jahres wird die gesamte erste Generation der RAF festgenommen. In der Folgezeit treten die Gefangenen der RAF und Mitglieder anderer bewaffneter Gruppen mehrfach in den Hungerstreik, um gegen die verschärften Haftbedingungen zu protestieren, die gegen sie angewandt werden. Beim dritten Hungerstreik stirbt am 9. November 1974 in der Vollzugsanstalt Wittlich in Rheinland Pfalz das RAF-Mitglied Holger Meins an den Folgen der Zwangsernährung.

Bereits zwei Monate vorher wird Horst Mahler aus der RAF ausgeschlossen, da er sich von ihrer Politik distanziert und sich den Positionen der KPD/AO angenähert hat. Die Befreiung der inhaftierten RAF-Gründer wird für die Mitglieder der zweiten Generation zur zentralen Zielsetzung ihrer Aktionen. Mit Felix Klopotek läßt sich von ihr sogar als “Meta RAF, als “Holt die Gefangenen raus” RAF” [ 4 ] sprechen.

Den ersten Versuch startet ein “Kommando Holger Meins” mit der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm im April 1975, bei der zwölf Geiseln genommen werden. Die Aktion scheitert, es sterben zwei Geiseln und zwei Geiselnehmer. Die restlichen Mitglieder des Kommandos werden festgenommen.

Am 21. Mai 1975 beginnt in Stuttgart-Stammheim der Prozeß gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Ulrike Meinhof. Nach zwei Jahren Verhandlung werden Baader, Ensslin und Raspe zu lebenslanger Haft verurteilt. Ulrike Meinhof erlebt die Urteilsverkündung nicht mehr mit, da sie am 9. Mai 1976 erhängt in ihrer Zelle gefunden wird. Kurz vor der Urteilverkündung werden in Karlsruhe der Generalbundesanwalt Buback und seine zwei Begleiter von einem “Kommando Ulrike Meinhof” ermordet. Am 30. Juli 1977 wird der Vorstandsvorsitzende der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, bei dem Versuch, ihn zu entführen, getötet. Ponto sollte, so der Plan der Entführer, gegen die RAF-Gefangenen ausgetauscht werden. Zwei Monate später entführt ein “Kommando Siegfried Hausner” den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und tötet dessen drei Begleiter. Die Bundesregierung geht auf die Forderungen der Entführer nach Freilassung der RAF-Gefangenen nicht ein. Um die Forderungen der RAF zu unterstützen, kapert am 17. Oktober das Kommando “Martyr Halimeh” der palästinensischen PFLP eine Lufthansa Maschine. Die Bundesregierung geht auf diese Erpressung aber ebenfalls nicht ein, sondern läßt die Maschine im somalischen Mogadischu von der Spezialeinheit GSG 9 stürmen. Drei Entführer werden dabei getötet, eine Entführerin überlebt schwer verletzt. Ein Tag später werden Baader, Ensslin und Raspe tot in ihren Zellen in Stuttgart-Stammheim gefunden, die ebenfalls in Stammheim inhaftierte Irmgard Möller überlebt schwer verletzt. Sie bestreitet bis heute die offizielle Version eines Selbstmordes der Gefangenen. [ 5 ] Am 19. Oktober wird Hanns-Martin Schleyer tot im Kofferraum eines Autos im elsässischen Mulhouse gefunden. Diese dramatischen Ereignisse sind in die deutsche Geschichte als “Deutsche Herbst” eingegangen.

Doch trotz des Todes ihrer Führungskader, weiteren Festnahmen und dem Scheitern der Politik der Gefangenenbefreiung existiert die RAF weiter. 1980 schließt sich sogar ein großer Teil der “Bewegung 2. Juni” der Gruppe an, und der inhaltliche Schwerpunkt wird wieder stärker auf den antiimperialistischen Kampf gelegt. Zeugnis dafür sind das 1982 erscheinende Papier “Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front” und zahlreiche Anschläge vor allem gegen US-Militäreinrichtungen. 1985 erklärt die RAF in einem gemeinsamen Papier ihre Zusammenarbeit mit der französischen Gruppe “Action Directe”. Diese Kooperation soll der Auftakt sein zum Aufbau einer westeuropäischen Guerilla.

Ende der achtziger/Anfang der neunziger Jahre konzentrieren sich die Aktion der RAF auf Repräsentanten der bundesrepublikanischen Politik, wie die Anschläge auf den Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Hans Tietmeyer und auf den Vorstandsvorsitzenden der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder zeigen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks werden in der DDR zehn ehemalige Mitglieder der RAF verhaftet, die dort seit Anfang der achtziger Jahre mit Duldung des Staates leben.

1992 formuliert die RAF eine grundsätzliche Revision ihrer Politik und verkündet die Beendigung ihrer Aktionen gegen einzelne Repräsentanten von Staat und Wirtschaft. Um aber ihre weiter bestehende Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, sprengt sie im März 1993 das im Bau befindliche Hochsicherheitsgefängnis im hessischen Weiterstadt. Im März 1998 folgt dann die endgültige Auflösungserklärung der RAF. [ 6 ]

Nach dieser kurzen Darstellung der Geschichte der RAF soll nun im Folgenden die Frage beantwortet werden, ob es sich bei der RAF um eine “bewaffnete K-Gruppe” handelt und ob es sich somit rechtfertigen läßt, sie in diesem Untersuchungszusammenhang aufzuführen. Zunächst läßt sich feststellen:

Genau wie die anderen K-Gruppen entsteht die RAF aus den Zerfallsprodukten der Studentenbewegung. Die Protagonisten der ersten Generation der Gruppe sind alle in der antiautoritären Protestbewegung aktiv. So sind zum Beispiel mit der Journalistin Ulrike Meinhof und dem Anwalt Horst Mahler [ 7 ] sogar zwei der bekanntesten Köpfe der APO an der Gründung der RAF beteiligt. Der besondere Schwerpunkt, in dem sich viele der späteren RAF-Gründer politisch engagieren, ist bereits erwähnte Randgruppenstrategie der Studentenbewegung. Ulrike Meinhof schreibt in der “Konkret” kontinuierlich Artikel und produziert mit “Bambule” sogar einen Fernsehfilm zum Thema. Andreas Baader und Gudrun Ensslin sind an den Aktionen der APO im Fürsorgeheim Staffelberg beteiligt und engagieren sich nach ihrer zeitweiligen Haftentlassung 1969 so stark an der Organisierung der nun in Frankfurt lebenden ehemaligen Bewohnern des Heims, daß sie sogar zu den offiziellen Ansprechpartnern der Behörden avancieren. [ 8 ] Und auch in der ersten gemeinsamen Erklärung der Gruppe nach der Befreiung Andreas Baaders beziehen sie sich ausdrücklich auf die gesellschaftlichen Randgruppen, die diese Aktion als Teil ihres eigenen Kampfes um Befreiung begreifen sollen. [ 9 ]

Allerdings vollziehen auch die RAF-Mitglieder die allgemeine Wende der Protestbewegung weg von ihren antiautoritären Ursprüngen hin zum Marxismus-Leninismus. Baader und Ensslin schulen die ehemaligen Staffelberger mit Schriften von Lenin und Mao. Die erste theoretische Schrift der RAF, “Das Konzept Stadtguerilla”, ist gespickt mit Zitaten von Mao Tse-Tung. [ 10 ] Besondere Bedeutung hat für die RAF dabei der Ausspruch Maos, daß der bewaffnete Kampf die höchste Form des Marxismus-Leninismus sei. [ 11 ] Für sich nimmt die Gruppe daher in Anspruch, mit dem bewaffneten Kampf in den Metropolen zu beginnen und darin liegt der Hauptunterschied zu den anderen K-Gruppen, die den Zeitpunkt zum Beginn des bewaffneten Umsturzes als verfrüht ansehen und stattdessen erst die kommunistische Partei aufbauen wollen, die dann die Revolution führen soll. Die RAF schreibt deshalb zur Legitimierung ihres Schrittes an die Adresse der anderen marxistisch-leninistischen Gruppierungen:

“Wir bezweifeln, ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen in der Bundesrepublik und Westberlin überhaupt schon möglich ist, eine die Arbeiterklasse vereinigende Strategie zu entwickeln, eine Organisation zu schaffen, die gleichzeitig Ausdruck und Initiator des notwendigen Vereinheitlichungsprozeß sein kann.” [ 12 ]

Dieser Vereinheitlichungsprozeß kann nach Ansicht der RAF in der aktuellen gesellschaftlichen Situation der Bundesrepublik nur durch die praktische revolutionäre Intervention einer Avantgarde angeschoben werden und nicht durch die Strategie der marxistisch-leninistischen Aufbauprojekte, die die RAF als gewerkschaftlichen Ökonomismus ablehnt.


“Die Rote Armee Fraktion redet vom Primat der Praxis. Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist; ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln.” [ 13 ]

In diesem existenzialistischen Willen zur praktischen Tat zeigt sich der entscheidende Unterschied zu den anderen K-Gruppen, die ihre Strategie scheinbar auf die objektiven historischen Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Gesellschaft abstimmen und den bewaffneten Umsturz erst dann für aktuell erachten, wenn sie dies aus der Entwicklung der Klassenkämpfe ablesen können. Für die RAF dagegen ist, obwohl sie das Proletariat als das revolutionäre Subjekt bestimmt, doch nicht die Organisierung der deutschen Arbeiterklasse vorrangig wie für die übrigen K-Gruppen. Denn diese ist nach der Einschätzung der RAF durch die Manipulation der Herrschenden und ihrer Medien in das System integriert und kann erst durch beispielhafte und bewusstseinsschaffende Aktionen einer Avantgarde wieder seine Rolle als revolutionäres Subjekt zurückgewinnen. Sie schreibt deshalb auch: “Die Bomben gegen den Unterdrückungsapparat schmeißen wir auch in das Bewußtsein der Massen.” [ 14 ] In dieser Klassenanalyse steht die RAF also durchaus noch in der Tradition der antiautoritären Studentenbewegung. Eben dies wird auch von den auf Parteiaufbau orientierten marxistisch-leninistischen Gruppen kritisiert. So schreibt zum Beispiel der “Kommunistische Bund Bremen”:

“An der wirklichen Aufgabe der revolutionären Intelligenz gehen aber die Genossen vorbei. Diese besteht in der Mitarbeit an der systematischen, notfalls auch illegal betriebenen Agitation und Propaganda sowie an der Organisierung des Industrieproletariats und seiner Vorbereitung zum bewaffneten Aufstand. Soweit unsere Differenzen mit den Genossen von der RAF! Allem opportunistischen Gekeife aber stellen wir entgegen: Die in der Roten-Armee-Fraktion kämpfenden und die niedergeschossenen Genossen, sie standen und sie stehen auf unserer Seite der Barrikade.” [ 15 ]

Auch wenn sie die Praxis der RAF für verfehlt bzw. verfrüht erachten, so erkennen die marxistisch-leninistischen Parteiaufbauinitiativen in ihr doch Geistesverwandte, die es vor der staatlichen Reaktion zu schützen gilt. [ 16 ]

Durchgängig von zentraler Bedeutung für die Theoriebildung der RAF ist der Bezug auf die nationalen Befreiungsbewegungen der so genannten “Dritten Welt”. Darin sehen sie die Avantgarde der Weltrevolution. [ 17 ] Während die Arbeiterklasse in den Metropolen noch in das herrschende System eingebunden sei, kämpfe die Bevölkerung in der Peripherie bereits gegen den Imperialismus und für eine sozialistische Zukunft.


“Daraus folgt aber, daß das revolutionäre Subjekt jeder ist, der sich aus diesen Zwängen befreit und seine Teilnahme an den Verbrechen des Systems verweigert. Daß jeder, der im Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt seine politische Identität findet, jeder, der nicht mehr mitmacht: revolutionäres Subjekt ist – Genosse.” [ 18 ]

Trotz der vergleichbaren Bedeutung, die die nationalen Befreiungsbewegungen für die übrigen K-Gruppen spielen, lehnen sie eine solchermaßen voluntaristisch begründete Theorie des revolutionären Subjektes ab. Dieser revolutionäre Voluntarismus, den die RAF von der antiautoritären Bewegung beibehält und mit dem sie auch die Aufnahme des bewaffneten Kampfes in der Bundesrepublik rechtfertigt, unterscheidet sie von den übrigen marxistisch-leninistischen Gruppierungen.

Abgesehen von dieser bedeutenden taktischen Differenz überwiegen aber die theoretischen Gemeinsamkeiten der frühen RAF mit den sich etablierenden K-Gruppen. Beide entstehen als Zerfallsprodukte der antiautoritären Studentenbewegung und berufen sich auf den Marxismus-Leninismus und dessen Weiterentwicklung durch Mao Tse-tung. Genau wie die anderen K-Gruppen wirft die RAF dem antiautoritären Flügel der Protestbewegung vor, eine “studentischkleinbürgerliche Organisationsform” [ 19 ] darzustellen, die ungeeignet sei, die Revolte auszuweiten. Denn dies könne nur der Marxismus-Leninismus, der aber, das hebt die RAF lobend hervor, erst durch die Studentenbewegung als Waffe im Klassenkampf rekonstruiert wurde. K-Gruppen und RAF sehen sich im Gegensatz zu den Antiautoritären als Avantgardeorganisationen der revolutionären Massen. Dabei beziehen sich beide auf die leninistische Parteikonzeption. Iring Fetscher faßt dies für die RAF wie folgt zusammen:


“Dem Elite-Vorwurf sucht man sich im Übrigen durch eine […] Berufung auf die Leninische Kaderpartei zu entziehen, die ja stellvertretend für die unterdrückten Massen handelt, solange diese außerstande sind, selbst zu agieren. Die lsquo;RAF‘ gilt dann gleichsam als der Kern einer künftigen Kaderpartei, die als lsquo;Avantgarde‘ der (potenziell) revolutionären Massen handelt, auch wenn diese selbst einstweilen noch völlig passiv bleiben.” [ 20 ]

Gudrun Ensslin bestätigt diese Aussage, wenn sie ausführt:

Was zu Lenins Zeiten Partei hieß und zu Lenins Zeiten die Partei war, heißt heute Guerilla, Guerilla, Massenlinie, Avantgarde und Partei sind die vier Namen der einen Sache: Guerilla.” [ 21 ]

Die RAF sieht ihr Konzept Stadtguerilla also als die zeitgemäße Umsetzung der Leninsche “Partei neuen Typus”. [ 22 ] Aufgrund dieser theoretischen Gemeinsamkeiten wendet sich die RAF in ihren frühen Schriften, wenn sie Stellung zur radikalen Linken nimmt, explizit an die ML-Gruppen. Beispielhaft dafür steht eine Tonbandbotschaft der RAF an ein Teach-in der maoistischen “Roten Hilfe” in Frankfurt, in dem sie die Distanzierung des KB und des KSV von der terroristischen Praxis der RAF nach der Mai-Offensive 1972 verurteilt. [ 23 ] Bezeichnend ist ebenfalls, daß Horst Mahler als der Vertreter der RAF, dessen Text “Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa” [ 24 ] einen geradezu dogmatischen marxistisch-leninistischen Maoismus vertritt, sich während seiner Haftzeit von der RAF abwendet und den Positionen der KPD/AO anschließt. Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten der RAF mit den anderen ML-Gruppen werden auch von anderen Fraktionen der Protestbewegung wahrgenommen. So veröffentlicht zum Beispiel das militant-spontaneistische Untergrundblatt “agit 883” 1971 eine Kritik an der RAF unter dem Titel “Rote Armee Fraktion. Leninisten mit Knarren” [ 25 ] , in der es eine linksradikale Kritik am Leninismus formuliert und diese an der RAF konkretisiert.

Spätestens mit der Schrift “Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front” [ 26 ] vom Mai 1982 zeigt sich aber ein deutlicher Wandel in der theoretischen Ausrichtung der RAF, der auch das Verhältnis zu den noch existierenden K-Gruppen verändert. Nach Jahren, in denen die Politik der Gruppe auf die Befreiung der gefangenen Mitglieder gerichtet war, wird nun wieder der antiimperialistische Kampf in den Mittelpunkt gerückt. Dabei bleiben die USA für die RAF der zu bekämpfende Hauptfeind, anders als für eine Reihe der anderen K-Gruppen, die, darin der Politik der Volksrepublik Chinas folgend, in der UdSSR den strategischen Hauptgegner sehen. Die RAF dagegen verteidigt nunmehr die Existenz der sozialistischen Staaten, denen sie früher Revisionismus vorgeworfen hat. Auch gibt es eine punktuelle Zusammenarbeit mit den Regierungen des Ostblocks, etwa bei der Unterbringung aussteigewilliger Mitglieder. [ 27 ]

Die RAF wendet sich inzwischen auch nicht mehr an die übrigen marxistisch-leninistischen Parteien, wenn sie strategische Diskussionen innerhalb der radikalen Linken lancieren will, sondern an die so genannten antiimperialistischen Gruppen, die sich seit den siebziger Jahren zu einer mit der Politik der bewaffneten Gruppen sympathisierenden Strömung entwickelt haben und an andere bewaffnete Gruppierung im europäischen Ausland. Bis zu ihrer Auflösung im März 1998 nähert sich die RAF dann immer deutlicher den sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik als Bezugspunkt an.

Die theoretische Einordnung der RAF läßt sich also als Entwicklung von der zerfallenden antiautoritären Protestbewegung der sechziger Jahre über den Marxismus-Leninismus, der sich aber in der Einschätzung der aktuellen gesellschaftlichen Situation in der Bundesrepublik und damit verbunden der Frage nach dem Zeitpunkt der Aufnahme des bewaffneten Kampfes von den K-Gruppen unterscheidet, hin zu einer eigenständigen internationalistischen Position beschreiben. Es handelt sich bei der ersten Generation der RAF also um eine marxistisch-leninistische Gruppe, die zwar einige gewichtige Unterschiede zu den am Parteiaufbau orientierten Marxisten-Leninisten aufweist, aber doch genug Übereinstimmungen zeigt, so daß ihre Behandlung in der Arbeit gerechtfertigt erscheint. Nach dieser kurzen Darstellung der einzelnen K-Gruppen wird nun im Folgenden auf die Rezeption der Kritischen Theorie durch die K-Gruppen eingegangen.

Anmerkungen

[ 1 ] Herbert Marcuse, Repressive Toleranz, in: Ders., Aufsätze und Vorlesungen 1948-1969 Versuch über die Befreiung, Herbert Marcuse Schriften Band 8, Frankfurt am Main 1984,
S. 161.

[ 2 ] Zitiert nach: ID Archiv 1997, S. 17.

[ 3 ] Rote Armee Fraktion, Die Rote Armee aufbauen. Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders vom 5. Juni 1970, in: ID Archiv 1997, S. 26.

[ 4 ] Felix Klopotek, Der Gegen-Staat. Zur politischen Romantik der RAF, in: Joachim Bruhn/Jan Gerber (Hrsg.), Rote Armee Fiktion, Freiburg im Breisgau 2007, S. 106.

[ 5 ] Vgl. Oliver Tolmein, “RAF – Das war für uns Befreiung”. Ein Gespräch mit Irmgard Möller über bewaffneten Kampf, Knast und die Linke, aktualisierte und erweiterte Auflage, Hamburg 2005, S. 113ff. und S. 122ff.

[ 6 ] Die Auflösungserklärung der RAF ist abgedruckt in: Oliver Tolmein, Vom Deutschen Herbst zum 11. September. Die RAF, der Terrorismus und der Staat, Hamburg 2002, S. 212-229.

[ 7 ] Zur schillernden Biographie Horst Mahlers, der als Sohn überzeugter Nationalsozialisten, erst Angehöriger einer, an der FU verbotenen, schlagenden Verbindung ist, bevor er die verschiedenen Fraktionen der Linken durchläuft um schließlich seit Ende der neunziger Jahre im neonazistischen Spektrum aktiv zu sein, vgl. Martin Jander, Horst Mahler, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Band 1, Hamburg 2006,S. 372-397.

[ 8 ] Vgl. Gerd Koenen, Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus,2. Auflage, Köln 2003, S. 233ff.

[ 9 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Die Rote Armee aufbauen. Erklärung zur Befreiung Andreas Baaders vom 5. Juni 1970, in: ID Archiv 1997, S. 24-26.

[ 10 ] Eine ausführliche Analyse der maoistischen Ideologie der RAF findet sich in: Sebastian Gehrig, “Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen.” Linksterroristische Gruppen und maoistische Ideologie in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre, in: Ders., Mittler und Wemheuer 2008, S. 153-177.

[ 11 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Das Konzept Stadtguerilla. April 1971, in: ID Archiv 1997,
S. 27-48.

[ 12 ] Ebenda, S. 37.

[ 13 ] Ebenda, S. 40.

[ 14 ] Rote Armee Fraktion, Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971, in: ID Archiv 1997, S. 100.

[ 15 ] Kommunistischer Bund Bremen, Bewaffneter Kampf in Westeuropa heute. Eine Kritik an der “Roten Armee Fraktion”, in: Wahrheit. Kommunistische Arbeiter Korrespondenz, Organ des Kommunistischen Bundes Bremen, Nr. 1 Februar 1972, S. 12.

[ 16 ] Zum Verhältnis der K-Gruppen zur RAF, vgl. Jens Benicke, “Von Heidelberg nach Mogadischu, ein Weg von der revolutionären bis zur konterrevolutionären Aktion”. Das Verhältnis der bundesdeutschen K-Gruppen zur RAF, am Beispiel der KPD/ML, in: Gehrig, Mittler, Wemheuer 2008, S. 133-152.

[ 17 ] Für den französischen Situationisten Emile Marenssin ist die “Dritte-Welt-Ideologie” der Marxisten-Leninisten nur eine Rationalisierung der Tatsache, daß es ihnen in einigen Entwicklungsländern nach einer erfolgreichen Revolution gelungen ist die Aufgabe der zu schwachen einheimischen Bourgeoisie zu übernehmen und eine nachholende kapitalistische Entwicklung in Gang zu setzen. Für Marenssin zeigt sich hier, daß der Sozialismus des ML nichts anderes ist, als ein staatlicher organisierter Kapitalismus. Fälschlicherweise hält er der RAF zugute, diese “Dritte-Welt-Ideologie” überwunden zu haben, vgl. Emile Marenssin, Stadtguerilla und soziale Revolution. Über den bewaffneten Kampf und die Rote Armee Fraktion, mit einem Vorwort von Joachim Bruhn, Freiburg im Breisgau 1998.

[ 18 ] Rote Armee Fraktion, Die Aktion des “Schwarzen September” in München. Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes. November 1972, in: ID Archiv 1997, S. 166.

[ 19 ] Rote Armee Fraktion, Das Konzept Stadtguerilla. April 1971, in: ID Archiv 1997, S. 36. Übernahme wie im Original.

[ 20 ] Iring Fetscher und Günter Rohrmoser, Ideologien und Strategien. Analysen zum Terrorismus Band 1, unter Mitarbeit von Jörg Fröhlich et. al., herausgegeben vom Bundesministerium des Innern, Opladen 1981, S. 28. Hervorhebung im Original.

[ 21 ] Gudrun Ensslin, zitiert nach: Fetscher und Rohrmoser 1981, S. 332.

[ 22 ] Eine Zusammenstellung der Leninischen Schriften zu Frage der Partei findet sich in: Wladimir Iljitsch Lenin, Über die proletarische Partei neuen Typus, Moskau 1973.

[ 23 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Tonbandprotokoll von dem Teach-in der Roten Hilfe, Frankfurt. Erklärung vom 31. Mai 1972, in: ID Archiv 1997, S. 148-150.

[ 24 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971, in ID Archiv 1997, S. 49-111.

[ 25 ] Redaktion Agit 883, Rote Armee Fraktion. Leninisten mit Knarren, in: Agit 883, Revolutionäre Aktion, Nr. 86 vom 6.12.1971, S. 8-9.

[ 26 ] Vgl. Rote Armee Fraktion, Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front, Mai 1982, in: ID Archiv 1997, S. 291-306.

[ 27 ] Vgl. etwa die Autobiographie von Inge Viett, die 1982 unter aktiver Beteiligung der staatlichen Behörden in die DDR übersiedelt. Vgl. Inge Viett, 1997.

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