Initiative Sozialistisches Forum |
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ça ira Verlag |
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Gerhard Scheit Der quälbare Leib Kritik der Gesellschaft nach Adorno 2010 Erscheint voraussichtlich Winter/Frühjahr 2010 |
Die Nationalsozialisten erzwangen es, daß vom Leib wieder zu sprechen ist. Verschwinden die Klassen in der Volksgemeinschaft und die Produktionsverhältnisse in der Vernichtungspolitik, dann wird etwas wie die Phantasmagorie des erhabenen Körpers erzeugt – Ergebnis davon, daß die Individuen, in ihrem Bewußtsein den Rechts- und Vertragsbeziehungen entbunden, vollständig zur Masse geworden sind, mit Freud gesprochen: “ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben”. Der libidinös besetzte Leib, der dem einzelnen Verliebten als erhaben erscheint, nur um die geschlechtliche Lust noch zu steigern, verschwindet in der “Ästhetisierung der Politik” (Benjamin), und die Erhabenheit wird zum gepanzerten, gestählten Körper, in dem die Masse sich spiegelt: der Körper der Volksgemeinschaft, der in den Massenorganisationen ertüchtigt wird und den faschistische und nationalsozialistische Kunst- und Filmproduktion ausgeklügelt zur Schau stellen. Er ist nur die Hülle der Opferbereitschaft und kennt deshalb keinen Schmerz. Indem die Massenindividuen sich miteinander identifizieren, stellen sich Selbstschädigung und Selbstaufopferung, die doch in der individuellen Liebe noch bei größtem Zurücktreten der sinnlichen Ansprüche darauf zielen, den Trieb durch die sexuelle Vereinigung mit dem anderen zu befriedigen, als Selbstzweck heraus, worin alle Befriedigung des Triebs, soweit sie weiterhin möglich ist, den Ansprüchen auf Identifikation mit dem Kollektiv unterworfen wird. Darum wird in jeder nationalsozialistischen Darstellung des Leibs die Haut zum Panzer.
Wer aber von diesem Massenwahn sich freihält und von jenen, die ihn sich zu eigen machen, verfolgt wird, dem scheint der Leib sich in der einen einzige Bedeutung zu manifestieren, daß er quälbar ist; wenn Grausamkeit und Destruktion aller vertraglichen Bindung entledigt werden können, gilt diese Manifestation allein noch als Maß aller Dinge. So hat Adorno der Gedanke, der in Brechts Zeile über Benjamins Freitod enthalten ist – “All das sahst du / Als du den quälbaren Leib zerstörtest” – nicht mehr losgelassen: Am kategorischen Imperativ nach Auschwitz “läßt leibhaft das Moment des Hinzutretenden am Sittlichen sich fühlen. Leibhaft, weil es der praktisch gewordene Abscheu vor dem unerträglichen physischen Schmerz ist, dem die Individuen ausgesetzt sind, auch nachdem Individualität, als geistige Reflexionsform, zu verschwinden sich anschickt.”
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