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ça ira-Verlag

Jour Fixe Programm Frühling/Sommer 2017

Donnerstag, 4. Mai 2017

Psychologie des Djihadismus

Noch während des Kalten Krieges begann sich der Djihadismus als dritter Block zu etablieren. Im Weltkrieg des Islamismus gegen Juden, Frauen und Andersdenkende ist das djihadistische Arsenal dabei längst über bloßen Terror hinausgewachsen. Radikale Islamisten erobern, halten und verwalten immer mehr Territorium im Stil der sunnitischen und schiitischen Theokratien. Manipulation und Geschichtsfälschung bilden eine Pädagogik, die eine „djihadistische Persönlichkeit“ als Ziel hat: Die Auslöschung von Sexualität und Lebenstrieben durch einen malignen Narzissmus, der durch ödipale Feindbilder zur ständigen Vernichtung kritischer Einflüsse angehalten ist. Kurioserweise offeriert Europa Islamisten ein größeres Rekrutierungspotential als viele mehrheitlich islamische Staaten. Im Zentrum einer Analyse des Djihadismus steht daher sein dialektischer Widerpart, die Agonie und Äquidistanz aktueller bürgerlicher Ideologie im Westen, die den Islamischen Staat und andere djihadistische Reservate erst möglich machte. Wo kein säkulares Gegenprojekt der Moderne sich konsequent etabliert, wo Philosophie den Augenblick ihrer Verwirklichung immer noch gründlich versäumt, gedeihen historisch faschistische Rituale und Regressionen nicht in historischen Stadien, sondern hinter individualpsychologischen Reifungsschritten.

Es spricht Felix Riedel (Marburg), der sich als freischaffender Ethnologe hauptsächlich mit modernen Hexenjagden und Konfliktethnologie, Psychoanalyse, Antisemitismus und Djihadismus beschäftigt.

Um 20 Uhr in der Laterna Magika, Günterstalstr. 37

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Donnerstag, 18. Mai 2017

Rackets im Rechtsstaat

Als Racket gilt heute alles Mögliche: islamische Terrororganisationen, Ärzteverbände, feministische Blogs oder russische Oligarchen. Wenn aber tendenziell jeder auf Macht versessene Zusammenschluss als Racket gefasst werden kann, ist der Begriff bloß ein modisches Wort für soziale Gruppe. Der Vortrag geht der Frage nach, ob sich der Racketbegriff sinnvoll eingrenzen lässt. Ist er als Gegenbegriff zum Recht zu verstehen, wodurch das Racket vorrangig zu einem Phänomen des Staatszerfalls wird? Ist das Racket aber mit Max Horkheimer die Grundform der Herrschaft, ist er kein bloßes Krisen- und Randphänomen, sondern längst auch im Rechtsstaat gegenwärtig. Die gesamte Gesellschaft und Geschichte ließe sich dann auf den Nenner des Rackets bringen, wodurch der Begriff jegliche Spezifik verlöre. Er übernimmt die Funktion des Klassenbegriffs, ohne diesen zu ersetzen. Der Vortrag wird den Racketbegriff insbesondere in seinem Verhältnis zum Rechtsstaat beleuchten und die in ihm angelegten Probleme entfalten.

Niklaas Machunsky ist Sozialwissenschaftler in Köln.

Um 20 Uhr in der Laterna Magika, Günterstalstr. 37

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Donnerstag, 1. Juni 2017

Kräftemessen mit Europa – Zionistische Positionen zwischen Europhilie und Loslösung

Aus der Perspektive jüdischer Intellektueller avancierte ‚Europa‘ während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Bezugspunkt im Bestreben, moderne Entwürfe jüdischer Zugehörigkeit zu entwickeln. Zugleich wurde Juden im mitteleuropäischen Raum seit dem Beginn der Emanzipation die bürgerliche Gleichstellung lange u. a. mit dem Hinweis auf eine vermeintlich fehlende europäische Zugehörigkeit verweigert. Selbst nach Erlangung der vollen Bürgerrechte (in Deutschland erst mit der Reichsgründung 1871) wurde den Juden ihre kulturelle Zugehörigkeit von weiten Kreisen der Bevölkerungen de facto abgesprochen. Von dieser grundsätzlichen Ambivalenz ist auch der sich Ende des 19. Jahrhunderts formierende Zionismus geprägt; dem Schwanken zwischen einer idealistischen Europahoffnung, die etwa mit Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, moderner Wissenschaft und sozialer Teilhabe verbunden war, und der konkreten Erfahrung des sich ab den 1870er Jahren als breiter politischer Bewegung formierenden Antisemitismus. Der Vortrag zeigt exemplarisch, wie sich sowohl der politische als auch der sogenannte Kulturzionismus grundlegend auf ‚Europa‘ bezogen.

Es spricht Hans-Joachim Hahn (Freiburg), der an der RWTH Aachen und an der ETH Zürich lehrt. Zusammen mit Olaf Kistenmacher hat er 2015 Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft. Zur Geschichte der Antisemitismusforschung vor 1944 herausgegeben.

Um 20 Uhr in der Laterna Magika, Günterstalstr. 37

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Donnerstag, 22. Juni 2017

Die Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition

In kaum einen Land hat die Kritische Theorie eine so intensive und breite Rezeption erfahren, wie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Anhand des Milieus um Zeitschriften wie Telos und New German Critique – mit denen Namen wie Martin Jay, Russell Jacoby, Seyla Benhabib u.a. verbunden sind – lässt sich nicht nur der Frage nachgehen, wie sich Kritische Theorie über den Moment ihres historischen Entstehens hinaus verlängerte, sondern auch wie sich ihr Verhältnis zur Universität änderte, in der sie zwar immer angesiedelt war, ohne allerdings in ihr aufzugehen. Die Geschichte des Nachlebens der Kritischen Theorie wird so zur Geschichte einer politischen Krisenbewältigung und einer Akademisierung. Nichts legt deutlicher offen, was Adorno und Horkheimer den „Geschichtskern“ der Kritischen Theorie nannten, als die Analyse ihrer Tradition.

Es spricht Robert Zwarg (Leipzig), Philosoph und Mitglied der Redaktion der Phase 2. 2017 hat er mit Chris Wilpert das Buch Destruktive Charaktere. Hipster und andere Krisenphänomene herausgegeben.

Um 20 Uhr in der Laterna Magika, Günterstalstr. 37

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Donnerstag, 29. Juni 2017

Sein zum Tode: Sayyid Qutb und Martin Heidegger als Meisterdenker der Gegenaufklärung

Spätestens seit dem Massenmord vom 11. September 2001 wird darüber diskutiert, was der islamische Terrorismus mit der Religion Islam zu tun hat. Während die einen auf den dezidiert modernen Charakter der islamistischen Bewegung hinweisen, verorten die anderen deren Ursprünge in der islamischen Tradition. Beide haben gegeneinander recht, aber die Frage ist, wie sich dieser Widerspruch theoretisch vermitteln lässt: Als moderne Bewegung versteht es der Islamismus, die Tradition für seine ideologischen Ziele nutzbar zu machen. Das heißt aber auch: Wo kein Fundament ist, da gibt es auch keinen Fundamentalismus. Nirgendwo lässt sich dies deutlicher zeigen als beim islamischen Judenhass, der einerseits in einer langen Traditionskette steht, sich heute in der islamischen Welt aber andererseits maßgeblich aus dem Arsenal des europäischen Antisemitismus speist.

Scheinbar unabhängig davon diskutiert das Feuilleton immer wieder neu, ob Martin Heidegger ein Antisemit gewesen sei und wenn ja: ob dies nur eine private Meinung gewesen sei oder der Antisemitismus seine gesamte Philosophie durchdringe. Der Vortrag führt beide Themenkomplexe zusammen und fragt, inwiefern Sayyid Qutb als wichtiger Theoretiker des modernen Islamismus und Martin Heidegger als nationalsozialistischer Meisterphilosoph derselben historischen Denkbewegung zugeordnet werden können: einer intellektuellen wie politischen Rearchaisierung, einer todessüchtigen Reaktion auf die Moderne, deren Zentrum nicht zufällig die antijüdische Feinderklärung ist.

Es spricht Philipp Lenhard (München), der im ça ira-Verlag gemeinsam mit Alex Gruber den Sammelband Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft herausgegeben hat. Derzeit bereitet er eine sechsbändige Ausgabe der Gesammelten Schriften Friedrich Pollocks vor.

Um 20 Uhr in der Laterna Magika, Günterstalstr. 37

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Donnerstag, 20. Juli 2017

Zum Marxismus-Feminismus bei Frigga Haug

Dass in der 68er-Bewegung die Frauenfrage oftmals ignoriert wurde und Ausschlussmechanismen gegenüber Frauen sich reproduzierten, war neben einer Kritik am Arbeitsbegriff von Karl Marx in der sogenannten zweiten Welle der Frauenbewegung der Anlass zu einer ausschließlichen Hinwendung zum Feminismus. Im Kontext dieser Entwicklung bildete sich parallel und in Abgrenzung dazu eine als Marxismus-Feminismus firmierende Strömung heraus, deren Anliegen es war, die Unterdrückungsmechanismen von Patriarchat und Kapitalismus nicht als voneinander isoliert zu betrachten, sondern auf deren Verbindung zu verweisen und über die gemeinsame Intention des Feminismus und Marxismus, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, also beide als nicht voneinander trennbare Betätigungsfelder zu betrachten. Eine der Akteurinnen dieser Zeit war Frigga Haug, die sich Feminismus und Marxismus nicht als sich ausschließend oder hierarchisiert, sondern gleichberechtigt dachte. Zentral dafür ist ihr Ideologiebegriff. Gesellschaftliche Verhältnisse als ideologische zu begreifen ist dabei nicht nur etwas, das ihren Feminismus als dezidiert marxistisch auszeichnet und damit von nichtmarxistischen Feminismen unterscheidet. Ebenso können zentrale Unterschiede zu anderen marxistisch-feministischen Theorien ausgemacht werden. Im Vortrag werden die zentralen Thesen Frigga Haugs vorgestellt, um durch eine Betrachtung des zugrundegelegten Ideologiebegriffs einen Zusammenhang herzustellen zu der von ihr als „Leitlinie sinnvoller Politik“ entworfenen Vier-in-einem-Perspektive, die als ein aus ihrem Ideologiebegriff resultierender potentiell systemimmanenter Lösungsvorschlag kritisiert werden soll.

Es spricht Victoria aus Erfurt.

Um 20 Uhr in der Laterna Magika, Günterstalstr. 37

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Programmtext:
"Wer Warum Wie Was"