Jour Fixe Programm Herbst/Winter 1989

Dienstag, 17. Oktober 1989

Die Methode Schönhuber

Zur Technik der völkischen Demagogie

“Wir sagen das laut, was viele Deutsche leise denken”: der 'Republikaner'-Chef Schönhuber hat dafür gesorgt, daß völkische Gedanken mit Getöse freigesetzt werden. Unnachahmlich beherrscht er die schwarzbraune Kunst, das anzudeuten, was alle meinen, aber keiner gesagt haben will. Unter Bezugnahme auf Leo Löwenthals klassische Studie zur faschistischen Agitation “Falsche Propheten”, die 1949 im Rahmen der “Studien zum autoritären Charakter” veröffentlicht wurde, sollen die Techniken und Strategien der neuen völkischen Agitation untersucht werden, die unter der Parole “Seelsorge statt Klassenkampf” hausieren geht. Bevor diese Agitation für deutschnationale Identität allerdings ihr multikulturelles Recht im kakophonischen Pluralismus wahrnimmt und so alltäglich wird wie vorgestern, gilt es herauszufiltern, was sie auch ist: barbarische Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Ideologien.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 31. Oktober 1989

Nationalismus und Linke

Radikale Kritik an der nationalstaatlich organisierten Existenz der bürgerlichen Gesellschaft findet zur Zeit nicht statt. Die dafür eigentlich prädestinierte Linke kritisiert die für den kapitalistischen Verwertungsprozeß wesentlichen Bedingungen schon längst nicht mehr, sondern allein die sich aus diesen Bedingungen ergebenden Folgen. Sie übersieht damit, daß es ihrem politischen Gegner mit der aktuellen Formierung einer vom christdemokratischen Lager organisatorisch unabhängigen Rechten – vorerst noch – nur um Anerkennung der Probleme der Nationalisten als allgemein-gesellschaftlicher geht. Dies hat zur Folge, daß sich ungestört die politischen Voraussetzungen konstituieren können, auf deren Basis die Rechte die von ihr gezeugten “Probleme”, getragen von einem breiten gesellschaftlichen Konsens, lösen kann.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 14. November 1989

Der” Bund gegen Anpassung”

Angetreten mit dem Anspruch, durch Synthese der Theorien von Marx, Reich und Freud einen Beitrag zur Überwindung der theoretischen und praktischen Defizite der antiautoritären Bewegung zu leisten, ist der “Bund gegen Anpassung”, alias MRI – selber schon ein Verfallsprodukt der ApO – zu einer psychologisierenden Fraktion des Stalinismus verkommen. Diese Entwicklung ist alles andere als zufällig. Die gesundheitspolitischen Vorstellungen des 'Bundes', wie z.B. staatliche Geburtenkontrolle und Zwangstätowierung von HIV-Positiven, zeigen eine doppelte Unfähigkeit: die zur Staatskritik und die, von der dualistischen Denkschablone “normal” vs. “pathologisch” sich zu lösen, die für alle Wissenschaften vom Leben so kennzeichnend ist. Zumindest ist dies in der biologistischen Sexualtheorie Wilhelm Reichs angelegt. Anhand der Traktate von Fritz-Erik Hoevels sollen diese blinden Flecken der Theoriebildung des 'Bundes' nachgewiesen werden, eine Theoriebildung, die augenscheinlich v.a. Medizinerinnen zu begeistern vermag. – Es referiert Richard Schwarz, AStA Uni Mainz.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 28. November 1989

Die neue Kulturbeflissenheit

Angestellte zwischen ‘corporate identity’ und Kulturindustrie

“Kultur! Kultur!” – das ist der Schlachtruf der Postmoderne. Trendsetter der neuen Kulturbeflissenheit sind die Landes- und Kommunalpolitiker. Sie wissen: Moderne Industrieunternehmen lockt man nur noch dorthin, wo den Beschäftigten dieser Firmen auch kulturell etwas geboten wird. Deren Angestellte werden so in die Zange genommen und gleich doppelt um den Verstand und zur Raison gebracht: Durch die neuen Konzepte jener 'corporate identity”, die die “Philosophie des Managements” hervorbringt, und mittels eines Kulturkampfes der Festivals, Vernissagen und organisierten Vergnügungen. Welche Kommune stellt mehr Modeshows, Folklorefestivals, Designermessen und Varietes auf die Beine? Wer ist die kunstsinnigste Kommune im Land. Vom organisierten Kulturprogramm erwartet die Industrie einen qualifizierten Beitrag zur Zerstreuung ihrer Angestellten. – Es spricht Peter Kern, Redakteur der sozialistischen Zeitung ‘links’, Frankfurt.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 12. Dezember 1989

Die “Moskauer Prozesse”

Zur Dynamik der “Parteisäuberungen” in der UdSSR während der Stalinzeit

Die periodisch wiederkehrenden Liquidationswellen innerhalb des Funktionärsapparates der KPdSU zwischen 1936 und 1953 gelten als eines der rätselhaftesten Phänomene in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. War ein 'pathologisch machthungriger' und 'krankhaft mißtrauischer' Stalin der Urheber, der sich – kraft seiner despotischen Position – über alle 'historischen Notwendigkeiten' hinwegsetzte? Die Tatsache, daß so viele seiner engsten Waffengefährten dem Terror zum Opfer fielen, läßt scheinbar keine andere Erklärung zu: Die sonst schon längst als überholt verabschiedete Auffassung, “große Männer” machten die Geschichte, hält sich wohl nirgendwo sonst derart hartnäckig wie in Sachen ‘stalinistischer Terror’. Es soll gezeigt werden, daß dieser Terror kein Resultat pathologischer Willkür gewesen ist, sondern einem soziologisch entschlüsselbaren Bewegungsgesetz folgte, das die auf die Spitze getriebene antagonistische Verfassung der realsozialistischen Vergesellschaftung ausdrückt.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 16. Januar 1990

Über historischen und dialektischen Materialismus

“Orthodoxie in Fragen des Marxismus bezieht sich ausschließlich auf die Methode”: Mit diesem Diktum läutete Georg Luk√°cs die hegelianische Revision der Marxschen Theorie ein. Fortan sollten nicht mehr die tatsächlichen Ergebnisse der Marxschen Theorie, sondern allein ihre Methode der Forschung und Darstellung absolute Gültigkeit beanspruchen können. Aber läßt sich die absolute Methode G.W.F. Hegels überhaupt materialistisch “umstülpen”, wie es schon Marx für sich reklamierte? Der Vortrag wird dieser Frage anhand der ersten vier Kapitel des “Kapitals” nachgehen.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 30. Januar 1990

Autoritärer Staat, Faschismus, Nationalsozialismus

Eine Begriffsklärung

Der linke Antifaschismus hat es darauf angelegt, als notorisch schlechtes Gewissen der bürgerlichen Demokratie zu fungieren und diese mit der ultimativen Aufforderung, sie solle sich am Riemen ihrer ureigenen demokratischen Ideale reißen, vorm nächsten autoritären Sündenfall abzuschrecken. Dabei unterläuft dieser Linken, die im Antifaschismus den “demokratischen Kampf” probt, nur der unverzeihliche Fehler, alle Formen reaktionärer Transformation der Demokratie über den einen Leisten “Faschismus” zu schlagen. So verschleißt sie ihre Parolen. Zwar stimmt nach wie vor, daß, wer vom Kapitalismus nicht reden mag, vom Faschismus schweigen soll – aber es kommt eben darauf an, was unter Kapitalismus im Genaueren verstanden wird. Die hier unter Linksgestimmten herrschende Einfalt führt zur praktisch folgenreichen Reduktion der kapitalistisch möglichen Formen des Ausnahmezustandes – autoritärer Staat, Bonapartismus, Nationalsozialismus – auf die eine Schablone des “Faschismus”. Derart gerät der linke Antifaschismus zur bloßen Spielart der bürgerlichen Demokratie, aus Aufklärung wird Aufkläricht.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 13. Februar 1990

Hans-Jürgen Krahl: Erkenntniskritik der Ökonomie

Einheit von Erkenntnis und Praxis – das war die Idee, von der die Politik der Studentenbewegung inspiriert war. Die falsche Trennung von Ökonomie und Philosophie – das Erbe der alten Arbeiterbewegung – galt es zu überwinden und so die erkenntniskritische Dimension der manschen Ökonomiekritik zurückzugewinnen. Für den avanciertesten Versuch einer politischen Erkenntniskritik aus dem Zentrum der Bewegung heraus steht das Werk von Hans-Jürgen Krahl. – Es spricht Diethard Behrens, Frankfurt.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 27. Februar 1990

Jazz und Befreiung

Der Posaunist Albert Mangelsdorff antwortete auf die Frage nach dem Verhältnis von politischem Engagement und Jazz: “Ich weiß, der Zusammenhang ist da, aber ich kann ihn nicht in Worte fassen. Ich kenne keinen Jazzmusiker, der ein Rechter wäre. Das kann kein Zufall sein.” Außer Frage steht, daß die Geschichte des Jazz eine des Aufbegehrens gegen Herrschaft und Unterdrückung ist: das läßt sich vom melancholisch-ironischen Blues der Sklaven der Baumwollplantagen bis hin zum politischen Emanzipationskampf der Schwarzen in der Amalgamierung von Free Jazz und Black Power verfolgten. Heute allerdings ist es still geworden um die Verbindung von Emanzipation und Jazz; die Avantgarde geriert sich postmodern und kokettiert mit dem Tod des Subjekts: “Whether we like it or not, the era of the composers autonomous musical mind has just about come to an end” (John Zorn). Während eingefleischte Anhänger des Free Jazz den politischen Substanzverlust 'ihrer Musik' als konservative Wende bejammern, feiern andere die Wiederkehr des verdrängten Schönen im Jazz als Befreiung vom Mythos der Befreiung. Was ist im und um den Jazz, das es erlaubt, selbst das überteuerte Konzert im elitären Fanzirkel noch als Moment der Freiheit zu begreifen?

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Dienstag, 13. März 1990

Die Antiquiertheit des Krieges und die Zukunft der Soldaten

Clausewitz’ vielstrapazierte Formel, Krieg sei die bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, läßt sich heute nicht mehr zitieren, ohne daß irgendwer erwiderte, ein atomarer Krieg sei eben kein Mittel mehr, da in ihm auch diejenigen zugrundegingen, die damit gleich welche Ziele zu erreichen hofften. Dieser “reine Krieg”, in dem das Moment der Gewalt absolut wird, ist nicht mehr führbar, gerade weil er herbeiführbar ist. In den Kommandozentralen denkt man jedoch über anderes nach als über ein Ende militärischer Gewalt.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

Trennmarker

Als  bild  downloaden
Programmtext:
Staatsbürger, Volksgenosse