ca ira-Logo

ça ira-Verlag

“Kritik im Handgemenge” (Marx) statt “ Kritik im Handgemenge” (Freiburg)

Antwort auf den Leserbrief der Gruppe “Kritik im Handgemenge” auf unser Flugblatt “Die Pro-Deutschen sind da” gegen Gerhard Hanlosers Buch “Sie waren die Antideutschesten der deutschen Linken”

Initiative Sozialistisches Forum

Der Leserbrief der Gruppe “Kritik im Handgemenge” ist sehr interessant, um nicht zu sagen: aufschlußreich. Die Gruppe verfügt wohl über gute Kenntnisse der Geschichte der Arbeiterbewegung und der deutschen Konterrevolution. Daß sie den Evergreen von der “stalinistischen Zitiertechnik” bemüht, um nichts aus Hanlosers Buch zitieren zu müssen, ist nachzuvollziehen. Aber daß das Argument, es würde etwas aus dem Zusammenhang gerissen, immer von Leuten kommen muß, die vom Gesamtzusammenhang, d.h. der gesellschaftlichen Totalität des Kapitals, keine Ahnung haben, das ahnten wir nur. Die Gruppe weiß auch eine Menge über die Methode der Kritik. Sie weiß überhaupt viel zu viel, um etwas zu begreifen. Sie regt sich haltlos auf, um überhaupt das Prickeln einer Gemütsbewegung zu verspüren. Wo ein Handgemenge ist, hat man diese Gruppe noch nie gesehen.

Ferner wirft man der ISF vor, “Personen als Personen zu denunzieren”. Ja, was sollen wir denn sonst tun? Sollen wir etwa Personen als Tiere denunzieren oder als Fälle für die Psychiatrie? Hanloser und seine Autoren werden nicht für einen schlechten Musikgeschmack kritisiert, sondern für die schlechten Beiträge, die sie verfasst haben. Man wirft uns vor, Gerhard Hanloser als Faschisten beschimpft zu haben, aber er ist doch bloß einer der versiertesten Verfechter linksdeutscher Ideologie. Man wirft der ISF weiterhin vor, “bloße Diffamierungen” zu formulieren. Es sind aber nicht “bloß” Diffamierungen, sondern immerhin ad personam zugespitze Argumente.

Es ist, zum Beispiel, Stalinismus, mit der linken Hand über die Autonomie und die Revolution zu schreiben und rechter Hand mit den Stalinisten ein Boot zu rudern. Gerhard Hanloser ist ein solches Zwitterwesen (das ist nicht persönlich, sondern politisch gemeint: ein Doppelcharakter). Einerseits tritt er auf als Gralshüter des Klassenkampfes und ist Mitglied der autonomen Nichtsekte Wildcat. Andererseits schreibt er unter dem Pseudonym “Walter Hanser” für die antizionistische Journaille “junge Welt”, füllt mit Pirker und Langthaler ein Blatt, also mit Leuten, die Stalinisten sind, daß es kracht. Die Gruppe hat aber nicht nur fundierte Kenntnisse über den Spanischen Bürgerkrieg und verfügt über Philologie sowie über die Kunst, kritischer Lektüre. Darin ist sie so gut geschult wie jeder andere, dem es, mit Röntgenblick, ums “Eigentliche” geht. Um jenes Eigentliche zu erkennen, muß man erst einmal alles herauslesen können, was dort nicht steht. Und dazu muß man erst einmal überlesen können, was einem nicht paßt.

Das Buch von Hanloser alias Hanser, das wir kritisiert haben, ist im besten Sinne stalinistisch. Nämlich da, wo der Herausgeber und seine Autoren so erregt darüber sind, daß man auf die Idee kommen kann, Attac und andere Globalisierungskritiker nicht “kritisch-solidarisch” zu kritisieren, sondern als deutsche Ideologie. Deshalb rutscht ihnen die Hand aus: Dann ist von den Antideutschen d.h. von der ISF, als “jämmerlichen Figuren” die Rede und von “einer Handvoll Provokateuren”, gegen die man nur “Abscheu, Verachtung, Haß” empfinden könne, die man schlagen möchte. Es ist die Rede von “antideutschem Wahn” und “antideutscher Hysterie” – d.h. von einer “besonders perversen Form von Ideologiestiftung”, gegen die nur ein “guter Psychiater” helfen kann. Dies, und noch viel viel mehr, steht in Hansers Buch. Und nichts davon steht im Leserbrief der Gruppe.

Die ISF freut sich immer über Leserbriefe. Allerdings sind wir kein Mülleimer, und wir mögen nicht alles lesen müssen. Die Behauptung, Hanloser habe “an mehren Stellen die kritische Theorie verteidigt”, ist eine Halbwahrheit und damit ganz und gar falsch. Zwar zitiert er die Kritische Theorie hier und da, aber nur , um sie desto gründlicher zu erledigen, wie folgende Passage illustriert (Hanloser 2004, S. 174): “Die ideologiekritische und unhistorisch argumentierende Position, die enthoben von Geschichte `dem Antizionismus` jegliche Berechtigung absprechen will, verfällt darauf, eine pessimistische Teleologie anzubieten, die nach Auschwitz die Geschichte der Juden jeglicher sozialhistorischer Dimension entkleidet (...). Für sie lief und läuft alle Geschichte auf Auschwitz zu. Auschwitz hat sicherlich die Koordinaten im Begreifen von Geschichte und Emanzipation verschoben. Gerade für das jüdische Gedächtnis gilt: `(...) eine existentielle Erfahrung, die als tragende Komponente in das jüdische Bewusstsein nach Auschwitz eingelassen war.` Diesem Bewusstsein Rechnung zu tragen wäre Aufgabe einer reflektierten Ideologiekritik, sie selbst kann sich jedoch nicht vollständig mit diesem Bewusstsein identifizieren, sie würde den Universalismus und das mögliche und wünschenswerte Ende von einschließender und ausschließender Identität aufgeben.”

Diese schrecklichen Passagen wollen Geschichte, die auf das Menschheitsverbrechen Auschwitz zuläuft, auf subjektiv jüdisches Bewusstein reduzieren, dem “Rechnung zu tragen wäre”. “Reflektierte Ideologiekritik” “kann sich jedoch nicht vollständig mit diesem Bewusstsein identifizieren”. Jene Aussagen sind das genaue Gegenteil des Lebensnervs Kritischer Theorie, von Adornos “unhistorischer”, “pessimistischer Teleologie” aus der “Negativen Dialektik” (S. 358): “Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.” Besonders raffiniert wird der Geschichtsbegriff Kritischer Theorie denunziert: Indem im Namen eines obskuren Universalismus suggeriert wird, Israelsolidarität berücksichtige als “unhistorisch argumentierende Position, die enthoben von Geschichte” vor sich hin plappere, die Folgen des Nationalsozialismus nur abstrakt. Gerade dadurch soll verwischt werden, dass es nach Auschwitz keinen “emanzipatorischen Antizionismus” mehr geben kann, weil es nicht nur eine Vorgeschichte, sondern auch eine Nachgeschichte gibt.

Hanloser wird dadurch keineswegs zum Faschisten. Aber er bringt das Prodeutsche auf den Begriff: Er gibt Bücher heraus gegen die Antideutschen, schwadroniert von Klasse und emanzipatorischem Antizionismus, ist sich aber nicht zu schade, mit den Fans palästinensischer Selbstmordattentate in der “jungen Welt” den linksdeutschen Meinungsmarkt zu befriedigen. Findet die Gruppe “Kritik im Handgemenge” nicht doch, dass diese Form der Kritik zumindest etwas seltsam ist?

Interessant ist auch, daß die Gruppe ihren Namen – “Kritik im Handgemenge” – mit ihrem Brief selbst denunziert: heißt es doch dort, woher sie illegitimerweise ihren Namen bezieht, aus der Marxschen “Einleitung in die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie”, ausdrücklich: der Gegenstand – d.h. nicht der Gegner – der Kritik sei ihr Feind, “den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will.” Nicht widerlegen, sondern vernichten, sagt Marx zur Kritik im Handgemenge. Vielleicht sollte sich die Gruppe umbenennen? Vielleicht wäre “Verbesserungsvorschlag im Diskurs” das Richtige?

Aus: Koraktor. Zeitschrift der KTS, Mai 2005

Trennmarker

Als  bild  downloaden