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ça ira-Verlag

Giftgas und Pazifismus

Zum deutschen Friedenswillen

Initiative Sozialistisches Forum

“Es ist oft ein Glück für die Menschheit, daß die größeren Verbrecher die kleineren in Furcht halten. Wie dabei Vernunft und moralische Weltregierung bestehen, weiß ich freilich nicht recht zu entziffern.”

“Wer in der Welt nicht 200.000 Bajonette mit den gehörigen Appertinenzen zu seinem Befehl hat, sollte sich's nicht einfallen lassen, öffentlich einen vernünftigen Gedanken zu haben.”

Johann Gottfried Seume, Apokryphen

Soldaten sind keine Mörder. Der gewöhnliche Mörder stellt vielmehr ein einigermaßen harmloses und zutrauliches Wesen dar, seine Beweggründe sind allgemein verständlich und jedermann nachvollziehbar. Er arbeitet nicht mit Flächenbombardements oder Giftgas, sondern bedient sich konventioneller Mittel wie Küchenmesser, Nudelholz oder Nylonstrumpf. Er will nicht dem Guten im Menschen zum Endsieg verhelfen, nicht das Reich des Bösen von der Landkarte tilgen. Er ist kein Missionar, für die Beseitigung der Schwiegermutter erwartet er keine Ehrenrente als Widerstandskämpfer und keine Anerkennung als Tyrannenmörder. So ist der Mörder ein Mensch, der, wie das Strafgesetzbuch präzisiert, “aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen” einen Mitmenschen aus dem Leben schafft, aus Gründen also, die jedem zivilisierten Zeitgenossen unmittelbar einleuchten. Darum interessiert die Gesellschaft der Fernseher nicht, daß etwas so Unerhörtes wie Mord tatsächlich vorkommt, sondern nur, wie raffiniert der Täter es diesmal anstellt. Die Schlechtigkeit des Menschen kann getrost vorausgesetzt werden, und noch der langweiligste “Tatort” ist daher allemal spannender als die engagierteste Friedenspredigt. Und weil die Mitglieder einer bürgerlichen Gesellschaft eine gesunde Portion Haß und Futterneid gegeneinander hegen, weil der Bürger daher einen, der aus der Rolle fällt und dem Staat ganz privat das Gewaltmonopol bestreitet, verdächtig gut verstehen kann, auch darum ist in zivilisierten Gesellschaften die Todesstrafe abgeschafft und sind Rache und Vergeltung durch Freiheitsstrafen und Geldbußen ersetzt worden. Soweit der Staat als gewaltbewehrter Schiedsrichter die Streitigkeiten seiner bürgerlichen Auftraggeber zu schlichten hat, darf er schon deshalb nicht über das Recht auf Leben und Tod verfügen, weil jeder weiß, wie lose das Messer sitzt und wie leicht er selbst der Nächste sein kann, der danach greift.

Darum sind Soldaten keine Mörder, sondern Schlimmeres. Als Handlanger des staatlichen Gewaltmonopols und gesetzlich lizensierte Arbeiter des Todes geht ihnen die Menschlichkeit des Mörders gänzlich ab. Schon deshalb sind Mörder keineswegs die besseren Soldaten, weil ihre Motive unheilbar konkret, unmittelbar bedürfnisorientiert und durch und durch egoistisch sind. Zu Befehlsempfängern taugen sie nicht. Auch dem Amokläufer, der blindlings in die Menge ballert, fehlen die Qualitäten, die den Soldaten erst ausmachen. Er hat keine Ausdauer, die Wut des Massakers erschöpft sich relativ rasch, und danach sind nicht Orden und Paraden angesagt, sondern Katzenjammer und Klapsmühle. Die “niedrigen Beweggründe", die den Mörder, und die ziellose Vernichtungswut, die den Amokläufer auszeichnen, sind für Soldaten geradezu berufsschädigend, ein Grund für Berufsverbot. Auch Sadisten werden nicht gemustert. Schon die SS, die weithin als Mörderbande verschriene Elite der Wehrmacht, bestrafte die Kameraden, die aus Mordlust, Habgier oder antisemitischem Idealismus über die Stränge schlugen und den geordneten Ablauf der Massenvernichtung zu gefährden drohten.

Der Soldat dagegen hegt gegen den, den er ins Visier nimmt, keine persönliche Feindschaft, der Tod des Gegners verschafft ihm keinen unmittelbaren Genuß oder materiellen Vorteil. Der Gegner ist im als Mensch absolut gleichgültig, er mordet nicht im Affekt, sondern tötet mit kalter Überlegung, bedient die Waffe nicht mit Leidenschaft, sondern wie den Joystick der Video-Wargames. Nichts anderes signalisieren die Kameradschaftstreffen der Ehemaligen, als daß man unter Soldaten, ist der Krieg einmal zu Ende, keinen Grund mehr hat, sich nicht prächtig miteinander zu amüsieren und, unter Experten, aus dem Nähkästchen des Waffenhandwerks zu plaudern. Wenn auch die politischen Anführer zwecks Mobilisierung der Heimatfront allesamt zu Monstern erklärt werden mußten – das Bombardement war jedenfalls nicht persönlich gemeint, und keiner nimmt es so.

Soldaten sind keine Mörder, sondern Staatsbürger in Uniform, Leute also, denen von der Menschlichkeit, die den Mörder auszeichnet, nichts blieb als die physische Fähigkeit, zu hauen und zu stechen. Als Menschenmaterial des Staates und Werkzeuge des Souveräns haben sie keine “niedrigen Beweggründe” zu haben und stattdessen eine hohe Moral und tüchtige Gesinnung. Es sind Idealisten, die dem politischen Leitsatz geweiht sind, daß, gehe auch die Welt darüber zugrunde, Ordnung sein muß. Wer nichts als seine Pflicht tut, der ist allemal ein produktiverer Arbeiter des Todes als Jack the Ripper, Haarmann und Konsorten. Eigennutz mordet, Gemeinnutz exekutiert.

Die deutsche Friedensbewegung allerdings, die entschlossen scheint, ihren Widerwillen gegen den Krieg mit Bittgottesdiensten, Schweigeminuten und Friedhofslämpchen vorzutragen, kümmert dieser Unterschied nicht. Soldaten müssen Mörder sein, damit die pazifistische Unschuld, vulgo: die Betroffenheit, so recht zum Vorschein kommt. Der Staatsbürger tut so, als seien die Mörder eine fremde Rasse von einem andern Stern, das Verwerfliche schlechthin und ein Auswuchs der Menschheit. Für soviel Frieden wie möglich, für sowenig Krieg wie nötig: Als wollten die gesinnungstüchtigen Demokraten zu verstehen geben, daß, was die Demoskopen schon über die Bewußtseinsspaltung der Deutschen ermittelten – 80% sind gegen den Einsatz der Bundeswehr, 80% für den Krieg  , auch tatsächlich zutrifft, schreiben die Friedensfreunde die Parole “Krieg = Mord” auf die weißen Kapitulationsfetzen, die zuletzt im Mai '45 vorgekramt wurden. Der drastische Vergleich, der wohl äußerste Empörung und unbedingten Widerspruch ausdrücken soll, deutet das geheime Einverständnis mit der Obrigkeit schon an und gibt zu erkennen, wie nah den Pazifisten das vermeintlich ganz andere doch liegt. Sie verstehen ihren Staat viel zu gut, als daß sie ihn begreifen, sie verteufeln die Soldaten viel zu sehr, als daß sie das Gewaltmonopol kritisieren könnten. Wie man 1945 gegen den Krieg war, weil er verloren ging, so ist man heute für den Frieden, solange man den Vorteil hat und weil es gemütlicher ist. Die zur Schau getragene Angst vor der Apokalypse läßt durchschimmern, wie herzlich egal einem deutschen Pazifisten Leichen sind, solange sie nicht vom eigenen Volkskörper stammen. Deshalb ist der Krieg in Nahost anstößig, weil keine Zeit mehr zum Mitleid mit den Deutschen bleibt.

So geht es nicht gegen den Krieg, sondern bloß um den Frieden, nicht gegen das staatliche Gewaltmonopol, sondern für seinen umwelt- und seelenverträglichen Gebrauch, nicht um den wirklichen Krieg, sondern um den Krieg als das Symbol der notorischen Friedensunfähigkeit des Menschen an sich. Der Krieg ist das Menschlich-Allzumenschliche, gegen das nur angebetet werden kann, Anthropologie pur, gegen die man in dem traurig-schönen Bewußtsein anrennt, sie doch nicht ändern zu können. Der Krieg um Kuwait tritt in die dem deutschen Seelenleben unverzichtbare Haushaltsstelle des Urbösen, für die der letzten Friedensbewegung vor zehn Jahren die Atombombe gerade gut genug war. Schon damals ahnte jeder, daß die Bombe zwar überall, aber bestimmt nicht auf Deutschland fallen würde – und gerade deshalb erklärte sich die geteilte Nation zum Nabel der Welt und zum vom Atomtod auserwählten Volk. Die Angst vor der Bombe war die Schauseite der Lust, die aus dem einfachen Umkehrschluß zu destillieren war, daß, wer zur Zielscheibe sämtlicher bösen Mächte auserkoren wurde, das Gute schlechthin sein muß und eine wahre Lichtgestalt. Was nach den Geboten der Logik blühender Unfug ist, nämlich von der Aussage “Alle Deutschen sind Menschen” auf den Satz “Alle Menschen sind Deutsche” zu folgern, das gelang doch mit der Behauptung “Die Deutschen sind die Opfer der Bombe”, aus der die These “Nur die Deutschen sind die Opfer und sind es immer gewesen” abgeleitet wurde. Man empfand sich, wie als eigentliches Opfer der Bombe und der Amerikaner, so als wahrer Leidtragender des Nationalsozialismus, der die Vernichtung der Juden nur betrieben hatte, um die deutsche Kultur ärmer und die Nation ein für alle Mal unmöglich zu machen. Der verschämte Antisemitismus der damals gängigen Reklame für “Exterminismus” und den “nuklearen Holocaust” an den Deutschen hat sich mittlerweile zur herzlichen Gleichgültigkeit gegen die Bedrohung Israels mit deutschem Giftgas gemausert; ebenso ohnmächtig wie lüstern lauert der aktuelle Pazifismus auf den Augenblick, an dem Israel, allen Mahnungen und Predigten zum Trotz, auf Vergeltung zu verzichten, endlich zurückschießt, damit das Bild vom ewigen Juden, der keine Gnade kennt, nur Auge um Auge, Zahn um Zahn, am Ende wieder ins Lot kommt. Der ersten Friedensbewegung ging es, so gestand Alfred Mechtersheimer, nicht um Pershings oder Cruise missiles, sondern um die deutsche Frage; der zweiten geht es um deutsche Antworten.

Soldaten haben Mörder zu sein, weil man einen veritablen 'Befehlsnotstand‘ nur zu gut verstehen kann und dies doch um keinen Preis zugeben wird. Die Israelis haben nichts anderes im Sinn zu haben als eine Vergeltung, die der Massenvernichtung der Juden doch noch gerecht würde, die Rache, die man sich verdient hat und von der für die Deutschen doch eine Ausnahme gemacht werden soll. Weil es an und für sich und insbesondere für die Deutschen unbegreiflich ist, daß Auschwitz für sie ohne einschneidende Folgen blieb, gerade darum beargwöhnen der Pazifismus und seine antiimperialistische Vorhut Israel als die eigentlich am Krieg interessierte Partei und vermuten, dem “alttestamentarischen Staat", wie ihn das TV titulierte, ginge es in Wahrheit um die endgültige Abrechnung. Weil die Juden trotz Auschwitz nicht zu besseren Menschen wurden, hatte man unter deutschen Friedensfreunden schon immer gemunkelt, die Palästinenser seien die “Opfer der Opfer” und sie daher zu Deutschen ehrenhalber aufgenordet. Nicht als Unterdrückte einer nationalistischen Politik waren sie interessant, sondern als Opfer einer 'systematischen zionistischen Vertreibungs- und Ausrottungspolitik', als die Schlesier und Ostpreußen vom Jordan, denen das Schlimmste kurz bevorsteht. Wenn nun, bei der Verwüstung des jüdischen Friedhofes im badischen Ihringen, die Parole “Irak siegt!” auf die Grabsteine geschmiert wird, dann wird der Inhalt der nächsten Etappe sichtbar, den deutsche Avantgarde bereits im Auge hat, den Übergang von der gespielten Gleichgültigkeit zur offenen Aggressivität, die sich jetzt noch hinter dem verdächtig einmütigen Ekel vor dem “Hitler von Bagdad” verbirgt. Weil die Mitglieder einer bürgerlichen Gesellschaft wie selbstverständlich in der Wolle gefärbte Fans der freien Marktwirtschaft sind, die im Prinzip des gerechten Tausches nichts anderes darstellt als tagtägliche Vergeltung und damit die ökonomische Urform des Gleich um Gleich, das Prinzip, von dem doch jeder Lottospieler für sich eine Ausnahme gemacht haben möchte, darum wird, was öffentlich über den grünen Klee gelobt wird, doch eigentlich von allen verteufelt. Es sind dieser Haß auf die repressive Egalität und diese heimliche Verbitterung über die bürgerliche Gleichheit als krud ökonomische Vergleichung, die im Antisemitismus sich aussprechen. Die bürgerliche Gesellschaft in Deutschland hat beides – das Äquivalenzprinzip als Basisideologie kapitalistischer Vergesellschaftung und den Antisemitismus ohne Juden als Erbteil der Volksgemeinschaft  , derart fugendicht miteinander verschmolzen, daß man schon gar nicht mehr weiß, ob die Geistesverfassung der Friedensbewegten noch aus ideologischer Verblendung oder schon aus genauer Absicht sich speist. Sterben für Tel Aviv? Mangelt es bloß an Bewußtsein über die im bürgerlichen Gesellschaftszustand unheilbare Fortsetzung der Politik mit kriegerischen Mitteln, die die Demonstranten für “politische Lösungen” eintreten läßt, oder ist es bereits Absicht, die den antizionistischen Vernichtungswillen der irakischen Diktatur zuhause aussitzen will? “Kein Blut für Öl” Wessen Blut denn? Wie hoch darf einem deutschen Pazifisten der Preis sein, damit er noch 'gerecht' ist? Giftgas auf Israel ist noch lange kein Grund, die Idee, es gebe gerechte Gewalt, nicht in Bausch und Bogen abzulehnen; Ausnahmen werden nicht gemacht, Extrawürste nicht gebraten, schon gar nicht für Juden.

Darin gleicht der deutsche Friedenswille den Unschuldsbeteuerungen von Killern, die sich vor Gericht auf ihre guten Absichten herausreden wollen. Der staatlich garantierte soziale Friede soll mit dem staatlich inszenierten Krieg, der normale Geschäftsgang des Weltmarktes mit seiner gewalttätigen Aufrechterhaltung nicht das mindeste zu tun haben und die Regel erst recht nichts mit der Ausnahme. Der Friedensbewegung zum Trotz ist Gewalt eine Lösung – und zwar für die Schwierigkeiten, die Herrschaft und Ausbeutung sich selbst bereiten. Wo der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse, der anderswo Millionen ins Elend treibt, nur dann der Rede wert ist, wenn er als lautstarke Gewalt derart explodiert, daß sogar, wie es im Aufruf zur bundesweiten Demonstration am 26. Januar hieß, die “Zerstörung der Zukunft” droht, da steht zu befürchten, daß die vom Fernsehen im Dutzend aufgebotenen Experten für den Umgang mit kindlicher Kriegsangst in Wahrheit nicht den lieben Kleinen etwas Gutes tun, sondern vielmehr ihren Erzeugern aus der Seele sprechen wollen. Die Naivität jedenfalls, mit der, getreu der Parole “Krieg ist nur ein Ergebnis unserer Phantasielosigkeit", in jedem Winkel für den Frieden getrommelt und gepfiffen wird, gleicht im Resultat den bunten Bildchen, zu denen die Kinder ihre Angst mit Malstiften und kreativ verarbeiten sollen. In aller Unschuld vorgeschlagene Aktionen wie etwa die von der 'taz' protegierte der “Frauenaktion Schehezerade", man solle, zwecks “Welturabstimmung” gegen Krieg, den Stromverbrauch erhöhen, sind von jener bösartigen Infantilität, der kein Kind fähig wäre. Und wie die Weigerung, erwachsen zu werden, meistens nicht weit führt, so ist auch der Zusammenbruch dieser Protestbewegung absehbar, wenn es erst wieder normal geworden sein wird, daß die Bomben fallen, aber nicht hier. Allerdings wird die kommende Pleite des Pazifismus alles andere als die Niederlage der Pazifisten sein: Wo es darum zu tun ist, sich selbst von “niedrigen Beweggründen” frei zu sprechen, da fällt allemal, zumal im Verein, ausreichend psychischer Mehrwert ab, um für die harten protestlosen Zeiten verproviantiert zu sein. Dies Vergnügen am aufrechten Selbst ist die Ersatzdroge für Leute, die den ökonomischen Mehrwert bestenfalls anstaunen können.

Der Krieg um Kuwait als bewaffneter Konflikt zwischen Weltpolizei und Ruhestörer, als gewalttätige Auseinandersetzung zwischen dem Imperialismus der kapitalistischen Demokratien und dem notwendig, da aus Mangel ökonomischer Ressourcen, autoritären Sub-Imperialismus Iraks mag ausgehen, wie immer er will. Kriege gehören zum Kapitalismus wie Vulkanausbrüche, Überschwemmungen und Erdbeben zur Natur. Wie bei jedem Krieg als einem gesellschaftlich organisierten Naturereignis, zu dem alle ihr Scherflein beitragen, ohne es nachher gewesen zu sein, geht es auch bei diesem Krieg nicht um die Frage, wer ihn gewinnt, sondern einzig darum, daß er endlich aufhört. Weil bestenfalls zur Debatte steht, wer, zwecks Erzeugung von Kampfmoral und Beschaffung von Kriegsgründen, über die besseren Lügen und die schlagkräftigeren Ideologien verfügt, ginge es in Wahrheit darum, die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Krieges theoretisch wie praktisch zu kritisieren, d.h. die Geschäftsordnung und nicht den einzelnen Kuhhandel. Die zigtausend Toten, die der Krieg bislang schon gefordert hat, verlangen nicht Moralinspritzen oder Parteinahme für einen der Kontrahenten, sondern Widerspruch und Widerstand gegen die Bedingungen seiner Möglichkeit, d.h. gegen den Naturzustand, in dem sich die als Nationalstaaten verfaßten bürgerlichen Gesellschaften notwendig befinden und in dem es in letzter Instanz keinen anderen Richter geben kann als die Entscheidung der Waffen. Weil die Staaten im Weltmarkt, “im äußeren Verhältnis gegeneinander betrachtet (wie gesetzlose Wilde), von Natur in einem nicht-rechtlichen Zustande sind” (Kant), darum kann Frieden nur werden im Ergebnis des radikalen Bruchs mit Staatlichkeit schlechthin und mit dem Naturzustand, in den die Gesellschaften als bürgerliche durch das Kapital versetzt werden.

Insoweit der Krieg um Kuwait jedoch zum Krieg gegen Israel eskaliert wird und solange es zum praktischen wie ideologischen Arsenal der irakischen Diktatur gehört, einen “antizionistischen Befreiungskrieg” zur Vernichtung Israels zu führen, steht etwas anderes auf der Tagesordnung. Das Existenzrecht Israels ist unverzichtbar und ein kategorischer Imperativ, der keiner Begründung bedarf. Und weil die Linke in Deutschland zur ökopazifistisch-deutschnationalen Erweckungsbewegung verkam, weil ihr Bodensatz so unwillig wie unfähig ist, den “falschen Freunden Israels” (Ulrike Meinhof) in die Parade zu fahren, darum ist es immerhin besser, daß Israel falsche Freunde hat als gar keine. Diese staatstragenden Sympathisanten Israels sind die militaristischen Zwillinge seiner pazifistischen Verächter; deutsch bis in die Knochen sind sie beide. Das Credo etwa des Ex-Generals Schmückle, der im Frühstücksfernsehen erklärte, die Bundeswehr schütze von ihren Stützpunkten in der Türkei nicht zuletzt Israel und treibe damit Vergangenheitsbewältigung und “praktische Trauerarbeit”, speist sich aus jenem perversen Neid schon der Nazis auf das 'auserwählte Volk', dem man den Platz an der Sonne streitig machen wollte: “Hätte man die Juden, statt sie zu vergasen, mit an den Ural genommen, der Zweite Weltkrieg wäre anders ausgegangen” (Meinhof). Was die Militaristen für Israel eintreten läßt, ist nicht Solidarität mit den Juden oder gar “Verantwortung vor der Geschichte", sondern bloßes Kalkül, abhängig von den Opportunitätserwägungen des Augenblicks. Als Richard Weizsäcker kürzlich in Yad Vaschem den Juden den Satz ins Stammbuch schrieb “Wer Dich antastet, der tastet meinen Augapfel an”, da drückte das Bibelzitat aus, wie sehr man es genießt, daß der in Deutschland angeblich randständige Antisemitismus zum eigenen innen- wie außenpolitischen Vorteil von der internationalen Politik reproduziert wird. Israel repräsentiert dem Antisemiten die ihm unabkömmliche Figur des 'guten Juden', den Vorwand, der das längst gefällt Urteil rechtfertigt. Denn die Stellung Israels in der Weltpolitik entspricht der klassischen Rolle der Schutzjuden des Mittelalters: Von der BRD zwecks Wiedergutmachung nicht der Vernichtung, sondern der Nation hofiert, von den USA subventioniert und, als einzige bürgerliche Demokratie der Dritten Welt, vom Westen privilegiert, ist es doch zugleich abhängig von den strategischen Interessen und der Willkür der Herrschenden. Wie die Pogrome ihre Logik darin hatten, die Juden stellvertretend für Herrschaft, die man nicht anzutasten wagte, abzuschlachten, so hat der Antizionismus der arabischen Nationalisten seine Räson daran, im Windschatten des Kampfes gegen Israel, das “Bollwerk des US-Imperialismus in Nahost", mit den eigenen Pfunden besser wuchern zu können. Man schlägt den Sack, um dem Esel nicht weh zu tun. Die Privilegien Israels sind die Kehrseite seiner existentiellen Bedrohung. Die naive Frage der Friedenswilligen, warum denn Israel in Sachen Palästina ungeachtet aller UNO-Resolutionen 'erlaubt' werde, was anderen Staaten, dem Irak zum Beispiel, völkerrechtlich untersagt und mit B-52 verboten wird, ist der trostlose Reflex dieser Lage. Darin leben der dumpfe Haß auf alle, die gleicher als gleich zu sein scheinen, und der Neid, der an den Juden bekämpft, was er selber begehrt.

Darum wird der Krieg, wie immer er enden mag, jedenfalls zu Lasten Israels ausgehen. Denn die tödliche Dialektik des Nationalstaates, die in die Spirale der Nichtanerkennung Israels durch die Mehrheit der arabischen Welt und der zunehmenden Unterdrückung der Palästinenser führte, kann nicht mit den Mitteln einer Politik gebrochen werden, die den Frieden, den sie der Legende zufolge stiften soll, durch ihr Wesen: Herrschaft vorab dementiert, und nicht mit den Mitteln von Staaten, die den Antisemitismus, den sie im Innern erzeugen müssen um ihre Gesellschaft zum Volk zu formieren, auch nach außen projizieren, indem sie Israel je nach Interessenlage dämonisieren oder anhimmeln. Der Nationalstaat widerspricht der Idee der “freien Assoziation” (Kant) prinzipiell – aber unter den Nationalstaaten ist Israel der einzige nach Lage der Dinge und dem Zustand der Geschichte vernünftige: ein Widerspruch, der, wie es im alternativ-pazifistischen Jargon so lieb heißt, “ausgehalten” werden muß. Weltrevolution, Aufhebung von Ausbeutung und Herrschaft, ist das einzige diesem Zustand angemessene Urteil und bleibt doch ohnmächtige, fast lächerliche Idee.

Soldaten sind keine Mörder, sondern Schlimmeres und anderes. Weil sie nicht von “niedrigen Beweggründen” getrieben werden, sind sie, im Gegensatz zu Mördern, zu allem fähig. Auch dazu, im Widerspruch nicht nur zu ihren persönlichen Absichten und ihrer politischen Funktion, wider Willen und Auftrag also, etwas Vernünftiges zu bewirken. Und weil der materialistische Gedanke niemandem mehr einleuchten mag, daß der bürgerliche Gesellschaftszustand zwischen Absicht und Ergebnis vor allem Entfremdung und Verkehrung setzt, und daß daher jemand, der dem Guten zum Endsieg verhelfen will, allerhand Grausiges anrichten kann, darum sollte man die Pazifisten ganz allgemein und ohne der vom SPIEGEL verbreiteten Behauptung, Saddam Hussein sei der “Hitler von Bagdad", zuzustimmen, doch daran erinnern, daß die Alliierten des Zweiten Weltkrieges keineswegs nur uneigennützige Absichten hatten und das Ergebnis ihres Kampfes trotzdem nicht, wie man daher annehmen könnte, eine Niederlage gewesen ist, sondern eine Befreiung. Die Interessen der USA und ihrer Verbündeten mögen so imperialistisch und verabscheuungswürdig sein, wie sie es auf jeden Fall sind – solange und insoweit diese Interessen die Verteidigung Israels gegen Angriffe mit deutschem Giftgas implizieren, stehen sie außerhalb jeder Kritik. Den pazifistischen Lämmern geht dieser Doppelcharakter des Krieges im Nahen Osten über den Horizont, und darum machen sie sich einen Sport daraus, ihren militaristischen Doppelgängern den Marsch zu blasen und ihnen die Sonntagspredigt zu halten. Aber das sollen sie gefälligst unter sich ausmachen. Denn daß die Forderung nach sofortiger Beendigung des Krieges und die nach Sicherheit für Israel einander ausschließen, ist so unerhört wie wahr. Solange diese Alternative besteht, ist es anstößig, das Wort vom Frieden in den Mund zu nehmen.

Flugblatt, Januar 1991

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