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Chaotische Gewalt, ordentlicher Zwang

Anmerkungen zu den Pfingst-Krawallen

Initiative Sozialistisches Forum

Ein Ausnahmezustand, wie er zu Pfingsten im Grün bestanden haben soll, ist der öffentlichen Meinung stets nur der willkommene Anlaß, den rückhaltlosen Schwur auf die Diktatur ihrer Regeln zu leisten. So glücklich sich das ideologische Bewußtsein ansonsten in den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse fügt und so lässig-brabbelnd es normalerweise im Takt von Wert und Mehrwert schwingt, so süchtig ist es doch auch danach, ab und zu ein potenzsteigerndes Mittel einzunehmen, um lautstark das Bekenntnis zu Recht & Ordnung ablegen zu können. Gesinnungstüchtig erklärt sie, was sowieso geschieht, zum Ausdruck ihres Willens. Derlei Ordnung giert nach dem Chaos. Unvergeßlich bleiben nur die Weihnachtsfeste, an denen der Christbaum brennt und endlich einmal nicht Fischerchöre und Mastgänse den behaupteten Zweck der ganzen Veranstaltung: Friede auf Erden, wirklich einlösen. Insgeheim sehnt sich der stumm herrschende Zwang nach der lautstarken Gewalt, um sich darüber heilig zu sprechen. So beginnt der wirkliche Skandal immer dann, wenn ihm das ordentliche Ende bereitet werden soll – nicht die “orgiastische Eruption der Gewalt” also ist empörend, sondern ihre Verhütung und Abtreibung. Die geheuchelte Angst vor dem Chaos, Kehrseite nur der Faszination durch stramme Staatsgewalt, schlägt im Anblick der Ausnahme sofort um in

Gemeinschaftskunde.

Deren vornehmste Botschaft ist es, daß, wenn zwei das gleiche tun, dies noch lange nicht dasselbe ist; ihr Dilemma, diesen vorab entschiedenen Glaubenssatz auch begreiflich zu machen. Man merkt der “Badischen Zeitung” den Redakteursschweiß noch an, den es gekostet laben muß, die Krawalle im Osten zu loben und die Randale in Freiburg in Blut und Boden zu kritisieren. Das gab es lange nicht mehr: Der Freiheitsdurst der Brüder & Schwestern hinter dem Eisernen Vorhang muß mit der Rubrik ‚Aus aller Welt‘ vorliebnehmen und wird dort verstaut, wo sonst chinesische Säuglinge mit drei Köpfen, Sauerkrautfreßwertkämpfe und andere Kuriosa ausgestellt werden. Was tun? Erst die Erkenntnis, im Osten habe, anders als auf der Wilhelmstraße, “nicht organisierter Widerstand, sondern Aufmüpfigkeit auf der Tagesordnung” gestanden (BZ, 10. Juni), verhalf der Meldung den Sprung auf Seite Eins. Das vertrackte Problem ist gelöst: So kann einerseits der Staat im Osten weiterhin als 'Unrechtsstaat' denunziert, aber andererseits dafür, daß er doch immerhin Staat ist, gelobt werden. Dem Staat als solchem darf widersprochen, nicht aber widerstanden werden. Zwar herrscht im Osten die falsche Ordnung, aber es herrscht wenigstens: Ordnung. Ordnung tut not. In ihr ist die Funktion der öffentlichen Meinung hiermit klargestellt: Sie ist die Form, in der “das Eigentum der Bürger” sich selbst bejubelt, indem sie Gott und die Welt nach Maßgabe des “Sicherheitsempfindens der Bürger” (BZ, 9. Juni) beurteilt. Ist alles in Ordnung, dann dürfen Einwände erhoben werden – geltend machen darf man sie nicht. Der Bürger ist ein zartbesaitetes, empfindliches Wesen. Rauhe Schale, weicher Kern. Daher braucht nicht immer und überall einverstanden zu sein, wer im allgemeinen zustimmt. Alles darf interpretiert werden, unterm Vorbehalt allerdings, nichts zu verändern. Darin besteht das quasi-religiöse Dogma des Pluralismus. Die sorgsam arrangierte Vielfalt der Meinungen hat die gemeine Einfalt der Ordnung zu ihrem Credo. Wer unter der Herrschaft “aller politisch Verantwortlichen” (BZ, 9.6.) seine Gesinnung nicht zur bloßen Meinung relativieren will, wer seinen lobenswerten Anspruch nicht politisch vermitteln mag, wer gleich gar keine 'konstruktive Kritik' leisten möchte – der ist ein kriminelles Element, vielleicht gar ein Triebtäter. Wir im Westen sind, meint die BZ, längst “auf dem Weg zu einem Interessenausgleich in der pluralen Gesellschaft” (9.6.) und befinden uns auf dem langen Marsch in die soziale Harmonie, die bei denen, für die der Weg immer schon das Ziel ist, mit dem klipp und klaren Eid auf die “Grundsätze einer vernünftigen und sachgerechten Verfolgung von Interessen” beginnt (SPD, nach BZ v. 10.6.). Die Journaille kleckert noch aus den Kloaken des staatsbürgerlichen Unterrichts, wo die sozialdemokratische Kanaille gleich mit dem ABC des Grundgesetzes klotzt: Die Form muß gewahrt werden, dann ist jeder Inhalt geheiligt und legitim. Wer der geordneten Interessenverfolgung sich verweigert, der hat es verdient, selber verfolgt zu werden. Wer nicht geduldige Klientel sein will, dem wird auf die Sprünge geholfen. Das macht: die Form ist schon der ganze Inhalt, das Prinzip, der Glaube. Sie ist der lautstark beschwiegene Inhalt, deren stummer Zwang sich nur in der wüstesten Projektion auf den Gegner so richtig aussprechen kann. Am “paramilitärisch organisierten”, “logistisch bestens” vorbereiteten Feind erkennt die bürgerliche Öffentlichkeit in verkehrter Form ihr eigenes Wesen: “Kaltblütig” soll er sein, “generalstabsmäßig” nach der Methode “Organisation und Kommando” agieren. Aber diese rationale Form der Verfolgung seines Interesses soll zugleich nur pseudo-rational sein, eben die Form eines anderen Inhalts, eines “irrsinnigen Treibens”, einer “unkontrollierten Reaktion”, die aus allem schöpft, was “aus dem Dunkel” kommt (BZ,9.6.). Zur politischen Denunziation gesellt sich spontan die sexuelle Diffamierung: die “Verwüstungsorgie” (Gernot Erler, SPD), nach der der monogame Bürger insgeheim sich selber sehnt. Der Bürger ist Atheist nur solange es den lieben Herrgott betrifft, an den Teufel glaubt er allemal. Wesen und Treiben der Staatsgewalt, die, den Legenden der Ideologie zufolge, im Rechtsstaat veredelt und aufgehoben sein soll, werden dem Gegner, Sadismus inclusive, auf den Kopf zugesagt. Auf Kleinigkeiten kommt es dabei nicht an. Sinnlos wäre es, gegenüber der ideologischen Behauptung, “noch nie” sei die “Menschenverachtung” (BZ, 9.6.) in Freiburg so ungeheuerlich gewesen, auf der einfachen Tatsache zu beharren, daß es keine fünf Jahre her ist, als SEK-Kommandos auf vermeintliche Hausbesetzer schossen und der Landespolizeipräsident meinte, bei einem jährlichen Verhaftungsvolumen von immerhin “zwei Fußballstadien voll” kämen derlei “Ausrutscher” doch erfreulich selten vor. Dem Staat ist alles, was er selber tut, vorab vergeben und vergessen. Kein Bewußtsein ihrer eigenen Gewaltförmigkeit duldet die staatstragende Ideologie, keine Erinnerung an die Scheiterhaufen, die Lager und Massaker, die erst das Gewaltmonopol des Staates und die Gesellschaft des friedlich-schiedlichen Interessenpluralismus installieren halfen. Und wie immer erreicht die selbstbewußte Dummheit dieser Verdrängung ihre Höchstform im beflissenen Geschwätz derer, die sie reformieren wollen. Gernot Erler empfindet nur Ekel und ganz spontan fällt ihm ein Vergleich ein, der die Sache so richtig einsichtig und für jeden nachvollziehbar ausdrückt: Die Pfingstnacht erinnere ihn an national-sozialistische “Kriegsführungsstrategien der verbrannten Erde, nur angewandt in einem von Menschen bewohnten Stadtteil” (BZ, 10.6.). Im Vergleich mit den Autonomen, weiß der Sozialdemokrat, sollen die Nazis noch ziemlich human gewesen sein und dieser Steigerungsform müsse nun so widerstanden werden, wie es die Sozialdemokraten 1933, mangels Einheit “aller Demokraten”, nicht zuwege brachten. Die Nazis, ordentlich wie sie waren, ließen dem Chaos keine Chance, vernichteten erst die Menschen, damit, human wie sie waren, die Opfer nicht noch die Vernichtung ihrer Städte mitansehen mußten. Nein, “Wirrköpfe” wie die Autonomen waren die Nazis nicht; unsystematischer “Vandalismus” war nicht ihre Sache. Das macht: Auch ihr 'Unrechtsstaat' war doch immerhin: Staat, geordnete Verwaltung, öffentliche Ordnung. Die Gemeinschaftskunde kommt zu ihrem Schluß: Es gibt Menschen, denen die einfachsten Begriffe von Sitte & Anstand abgehen, “ungenierte Gestalten”, deren psychiatrische Verwahrung polizeilich durchgeführt werden müßte. Ihnen fehlen die mentalen (die rassischen?) Voraussetzungen zum Interessenausgleich, deren erste es ist, “Ansätze von Verständigungsbereitschaft” (BZ, 10.6.) zu haben und zu zeigen. Fehlt der gute Wille, so braucht es eben Gewalt. Dem bürgerlichen Bewußtsein, sonst einer deftigen Polemik gegen Haarspalterei und Sophistik nicht abgeneigt, wem es nur das Wort Dialektik vernimmt, kommt nun das dialektische Grundgesetz vom Umschlag der Quantität in Qualität in den Sinn. Was jeder Hausfrau geläufig ist, das, heizt sie nur richtig ein, bei 100 Grad Wasser zu Wasserdampf wird, soll nun auch für die Ordnung gelten. Denn wie man sich an nur lauwarmen Wasser keine Verbrühung zuziehen kann, so läßt sich “mit zwanzig bis dreißig Beamten kein Staat machen” (BZ, 9.6.). Die Rechenaufgabe wäre dann etwa: Mit fünfhundert Polizisten beginnt die Ordnung – wie viele Hundertschaften braucht es dann zu einer ordentlichen Demokratie? Darin, daß es sich überhaupt um eine Rechenaufgabe handelt, sind sich Befriedungsstrategen und Aufstandsingenieure ausnahmsweise einig und die Gemeinschaftskunde setzt sich fort als

Revolutionskunde.

Die autonome Gegenseite macht die Rechnung auf: Wie oft muß die revolutionäre Phrase wiederholt, gepaukt und abgefragt werden, damit sich ein klassenkämpferisch-proletarisches Bewußtsein bildet? Wenn Revolution die Steigerungsform von Militanz ist – berechne: Wie viele Scheiben müssen eingeschlagen werden, wie viele Lastwagen angezündet, auf welche Summen muß der Sachschaden sich belaufen, damit die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr interrentabel betrieben werden kann und zum alten Eisen geworfen werden muß? Denn wie der Bürger den Staat für einen guten Mann und den bloßen Schiedsrichter des Interessenpluralismus ausgibt, so huldigt sein revolutionärer Schatten dem kritisch gemeinten Umkehrschluß, der Staat sei der Teufel und der autoritäre Deckel, der die Emanzipationsgelüste der Menschen am revolutionären Überkochen hindert. Das bürgerliche Verhältnis von marktschreierisch plakatierter Freiheit und verheimlichter Gewalt erscheint im autonomen Durchschnittsbewußtsein mit umgekehrten Vorzeichen: Zwar herrscht die Gewalt, drunter aber wühlt mächtig die Freiheit und offenbart sich sofort, wird nur eine Bresche in die Allgewalt der Macht geschlagen. Damit der Damm bricht, muß die Verschwörung der Sprengstoffexperten organisiert werden. Die Autonomen vereinigen sich daher als Geburtshelfer einer Scheinschwangerschaft, die in ihrer revolutionären Ungeduld die Wehen nicht abwarten mögen und zum einzig probaten Mittel greifen: Kaiserschnitt. Der Aufstand wird aus dem Handgelenk geschüttelt und keiner soll den Trick gemerkt haben: “Am Samstag brach der individualisierte Haß jedes Einzelnen auf und materialisierte sich in der Randale”, heißt es in einer Erklärung. In ihrer Begeisterung für Brixton, Toxteth und Kreuzberg beschwören die Autonomen die plötzliche Fleischwerdung des Geistes, die den organisierten Geburtshelfer unsichtbar werden lassen soll: fingierte Spontaneität, der man die Inszenierung nicht mehr ansehen können soll. Über der Ausschüttung des Hl. Geistes der Spontaneität vergeht der Gemeinde langsam das Bewußtsein. Wer aber, wie die Autonomen, sein besonderes Interesse zum pluralistisch nicht mehr vermittelbaren Interesse erklärt, der hat es damit zum allgemeinen Interesse, zur Wahrheit erklärt. Es käme darauf an, diese Wahrheit negativ zu fassen, sie nicht abermals, nur um der Rolle des leicht verqueren Spinners zu entgehen, zum positiven Glaubenssatz und zum Dogma zu erheben und damit zur Phrase zu erniedrigen, die man glauben mag oder auch nicht. Wer sich, wie die Autonomen, auf die ordentliche Verfolgung der Interessen nicht einlassen mag, wer sich weigert, in den allgemeinen Schlachtruf des alternativen Biedermeier 'Kultur! Kultur!!' einzustimmen, wer eine vernünftige Aversion dagegen hat, zum Schmiermittel des politischen Betriebs zu werden, wer darauf beharrt, gegen Herrschaft und Ausbeutung außer Widerspruch auch Widerstand zu mobilisieren – der muß umso genauer darauf achten, daß er nicht wider Willen selber zum Bestandteil des Spektakels wird, nicht selber nur einen etwas aufregenderen Beitrag zur alternativen Kultur leistet. Die absurde Behauptung jedoch, auf der Wilhelmstraße habe sich etwas aus dem Nichts “materialisiert”, läßt ahnen, wohin die Vergötterung der Spontaneität führt. Darin schlägt der Wunsch, 'etwas zu tun', um in die Sucht, nur immer 'irgend etwas' zu tun zu haben, was dann natürlich nichts anderes sein kann als ein ganz bestimmter, vom Zaun gebrochener Blödsinn. Darüber verkommt die neueste Straßenkampfordnung, die ihre Regularien nurmehr aus der moralischen Pflicht zur revolutionären Haltung ableitet, zum Straßentheater. Der riot geht nicht von selber aus dem massenhaften Diebstahl, der immer das Eigenrum voraussetzt, in den Kampf für die Zerstörung der Warenform über. Zudem läßt sich die praktische Kritik der Ware weder inszenieren noch provozieren noch organisieren. Der Versuch, dies gleichwohl zu tun, bringt ein Machwerk hervor, eine Ausgeburt der Sensation. Die Regieanweisung zum autonomen Straßentheater könnte Bakunins Satz sein: “Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust”. Sie treibt diesen Satz bis in die äußerste Konsequenz, in der es nicht mehr auf den als notwendig unterstellten Umschlag der radikalen Negation ins Positive ankommt, sondern auf das Gefühl der Negation selber. Wenn schon die Macht der organisierten Verneinung keine Vernunft freisetzt, dann soll mindest das Gefühl der bedingungslosen Verneinung genossen werden können. Das passive Publikum darf sodann das Mißverständnis der Autonomen über ihre eigene Aktion als den wohligen Schauer genießen, der vom Ludergeruch der Revolution immerhin ausgeht. Zwischen gleichen Rechten jedoch – zwischen dem Menschenrecht auf Widerstand, das der Staat bestreitet, und dem Bürgerrecht auf Staatsschutz, das die Autonomen nicht wahrhaben wollen – entscheidet die Gewalt, nicht das Publikum. Wer dem durch Aktion und Reaktion gesetzten Zwang, sich zwischen dem offiziellen Staat und seiner autonomen Alternative, d. h. dem anarchistischen Anti-Staat, der sich zum leninistischen Gegen-Staat organisiert, nicht ausweichen kann, weil er es nicht vermag, die ganze blöde Alternative zu bestreiten, der übt sich in

Vermittlungskunde.

Miteinander wieder ins Gespräch zu kommen ist das Hauptanliegen all jener, die, wie die Grünen, als Nachlaßverwalter vergangener Kämpfe zu Rang und Namen gekommen sind. Sie haben den politisierbaren Rahm der Bewegungen abgeschöpft und denunzieren nun ihrerseits im Chor der Demokraten jeden, der keinen konstruktiven Vorschlag zu machen hat und überdies 'sprachlos' bleibt. Interessant, wie arglos die Grünen sich den Pater-Paulus-Slang vergangener Zeiten angeeignet haben. Aufschlußreich, wie dreist die 'Anti-Partei-Partei' darum rangelt, von der Gewalt sich zu distanzieren und als die wahre Agentur des Gemeinwohls sich auszuweisen. Bevor sie auch nur jemand darum gefragt oder gebeten hat, erklären sie, “zur Solidarität zwingen” (BZ, 11.6.) ließen sie sich nicht. Wenn das Wilhelmstraßenspektakel einen Sinn gehabt hat, dann jedenfalls den, ein Schlaglicht auf den Charakter der Anti-Partei-Partei zu werfen: Mittlerweile rotiert sie nur noch, wenn es um die 'Gewaltfrage' geht. Als Agentur des Gemeinwohls sind die Grünen für alles zuständig, was sich bewegt; zuständig insbesondere für jene, die von ihrer Kompetenz gar nichts wissen wollen. Es ist die Ignoranz der Autonomen gegen den Segen der grünen Partei, die diese gleich hysterisch wie eine alte Tante werden läßt. Was einen gar nichts angeht, nimmt man umso persönlicher, geht es doch um das 'politische Klima', das wir alle atmen. Die 'Badische' war dabei: ” ... ratlos zeigte sich der Grünen-Stadtrat Peter Heller... Immer wieder schüttelte er den Kopf, er war entsetzt: 'Da gehen drei Jahre Politik kaputt. Ein Stück weit kann ich die Stadt verstehen, wenn sie nun ihre liberale Linie aufgibt'”(9.6.). Der grüne Junge zweifelt an seiner politischen Mission: Jahrelang hat er das schwere Geschäft der Würdigung alternativer, emanzipativer Ansprüche durch die Gemeinde besorgt, mit Anthroposophen über Basisdemokratie sich in die Haare gekriegt, Bittschriften um Frieden verfaßt, nächtelang Akten gewälzt, Rechenfehler im Haushalt gefunden, hat mühsam sich die Kompetenz angeeignet zur “sachgerechten und vernünftigen Verfolgung von Interessen” – und jetzt das: Ein Experte, den seine Klientel nicht beauftragt haben mag, ein Fachmann für Interessenausgleich ohne Mandat. Die abgeleitete Macht fühlt sich gekündigt. Auf das Geheimnis dieser Macht mag sie nicht kommen: die Transformation der noch nicht repräsentierten Interessen in den Pluralismus, die Übersetzung jedes Widerspruchs in ein auf Heller und Pfennig ausgerechnetes und machbares Verwaltungsprogramm, die Verwandlung des Widerstandes in “Aufmüpfigkeit” und der Widerständler in Wähler, Parteimitglieder, Beitragszahler, schlußendlich die Verkehrung jedes Einwandes gegen den Staat in einen Auftrag für ihn. Als Idealistentruppe, die den Verfassungsauftrag, garniert mit Feuchtbiotopen, gegen die Staatapparatur durchsetzen wollte, haben die Grünen reüssiert. Endlich oben, werden sie zum Materialistenverein, der die begrenzten Geld- und Sachmittel der Bürokratie davor schützt, unterm Vorwand von Verfassungsnormen für alles Mögliche über Gebühr in Anspruch genommen zu werden. Die Angst vor der Kündigung ihrer bloß abgeleiteten Macht läßt die Grünen panisch werden. Ihr Programm – Protest ist, wenn ich sage, dies & das paßt mir nicht; politische Kultur ist, wenn ich mein Gefühl dabei auf die Bühne der Gießereihalle bringe – verdichtet sich zu dem schönen Bild, das zu Krisenmanagern mit Vollwerternährung paßt wie ein Nadelstreifenanzug zu Turnschuhen: Alle kochen ihr privates Süppchen zu Lasten und auf Kosten der Grünen. Den Autonomen wirft man vor, sie kochten “ein pseudomilitärisches Süppchen” (BZ, 11.6.), dem Oberbürgermeister erteilt man die Zensur, seine Brühe sei ein “parteitaktisches Süppchen” (9.6.). Ist nun der Vorwurf, daß es die einen zur Blutsuppe nicht bringen und die ändern nur zur wässrigen Babynahrung? Jedenfalls stehen die Grünen, wie es sich für Politiker gehört, in der Mitte, beschimpfen die einen, sie nach links, die andern, sie nach rechts schieben zu wollen – zu Lasten des gemeinen Wohls. Der Kampf um die Mitte tobt und die Grünen haben das Pech, für die Investitionen der Befriedungspolitik, mit denen sie einige Zeit den umlagerten Sponsor von 'Kultur! Kultur!!' spielen durften, nun nicht nur die Zinsen, sondern die Tilgung obendrein zahlen zu müssen. In Freiburg, wo es in jedem Winkel plärrt und rockt, jazzt und schockt, wo bastelnde Hausfrauen, kulturwütige Studenten, reisende Selbstdarsteller im Gewerbe der 'Politik in erster Person', freie Künstler- und Therapiegruppen etc. pp. längst zur Landplage geworden sind und jede Nische besetzt haben, in der es Platz genug gibt für eine Bühne und einen Lautsprecher, dürfte es ihnen leicht fallen, das nötige Spargeld zu mobilisieren. Lange genug sind sie schließlich angelernt worden in der Kunst des Politischen, Ansprüche aller Art als das Rohmaterial der Pluralismus-Produktion zu behandeln, in der Kunst also, jeden Widerspruch irgendwie zum Ausdruck zu bringen und jeden Widerstand um sein Recht. Die Onkel Bräsig-Haltung, die sie den Autonomen eine “selbstzufriedene Militanz” (BZ, 9.6.) nachsagen läßt, entspricht dem Grad selbstgefälliger Sozialarbeiterbeweihräucherung, den sie schon erreicht haben. Politik treiben sie, wie es dem objektiven Begriff von Politik gemäß ist: Als Interessenvermittlung mit der Haltung des ehrlichen Maklers, der sich um die gerechte Courtage geprellt sieht; als Caritas und grüne Wohlfahrt, die zu Dank und treuer Gefolgschaft verpflichtet. Wer sich der besten aller möglichen Realpolitiken verweigert, der ist mindest kriminell, jedenfalls nicht ganz richtig im Kopf. Professionelles Mittelmaß, das sie sind, bloß funktionierender Sachverstand ohne Vernunft, fällt der grünen Caritas nichts anderes ein als die dumpfe Ahnung, der Konflikt entstehe aus gegenseitiger falscher Wahrnehmung. Das Straßentheater begreife das 'Prinzip' der Gewaltfreiheit nicht, wo der Staat bloß noch nicht weiß, daß verschiedene “Personen” Identitätskrisen unterschiedlich lösen – in destruktiver Form oder durch Drogen und Alkohol” (BZ, 13.6). Stimmt die Wahrnehmung nicht, dann braucht es erstens eine Kommission zur “Ursachenforschung” und zweitens den ehrlichen Makler. Der Stiefel, der tritt, will obendrein noch, zieht er Turnschuhe an, geküßt werden.

* * *

Wenn der plötzlich anberaumte Klippschulunterricht in staatsbürgerlichem Benimm ebenso zu Ende sein wird wie das Nachbüffeln Kreuzberger Nächte, wenn überdies die Grünen aus dem Anfängerkurs ins politische Hauptseminar aufgerückt sind, und dann, statt ABC der Politik, staatsmännische/weibische Rethorik üben, dann wird, wie im letzten Jahr nach der Chaoten-Kampagne so auch diese Saison, wieder der Ruf nach einer kollektiven 'politischen Identität' der alternativ/autonomen Szene laut werden, nach einer 'ganz anderen Politik' verlangt werden. Die Vergangenheit ändert sich laufend, aber die Zukunft bleibt stets gewiß.

Flugblatt, 1987

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