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Erfahrung und Konsequenz

Gesichtspunkte zur Diskussion über die Bekämpfung des Antisemitismus (von links) nach der Besetzung von Radio Dreyeckland

Initiative Sozialistsches Forum

1.

Die Linke” ist tot, aber die meisten Linken haben es gar nicht bemerkt und einige wollen es nicht so recht wahrhaben.

2.

So mausetot ist “die Linke”, daß sie sich noch nicht einmal durch den Abscheu vor dem Antisemitismus (von links) wiederbeleben läßt.

3.

Der linke “Common sense” ist die moraline Variante der herrschenden Meinung, die bekanntlich die Meinung der Herrschenden ist.

4.

Der gesunde Menschenverstand des 'anderen Deutschland' ist eine diffuse Mischung aus linkem Nationalismus, Sehnsucht zum Ursprung, vulgärmaterialistischem Kult von Unmittelbarkeit, Bedürfnis und Interesse, Pluralismus, Recht auf “Meinung”, aufgedrehtem Narzißmus und erschwindelter Authentizität, formalem Demokratismus und einer leidenschaftlichen Politikbegeisterung, die nur mühsam die Bereitschaft zum Staat verbirgt. Kurz und gut: “die Linke” repräsentiert in toto den traurigen Tatbestand, den Marx als “wahren Sozialismus” charakterisiert hat:

5.

“Das Gewand (des 'wahren' Sozialismus), gewirkt aus spekulativem Sinnweb, überstickt mit schöngeistigen Redeblumen, durchtränkt von liebesschwülem Gemütstau, dies überschwengliche Gewand, worin die dt. Sozialisten ihre paar knöchernen 'ewigen Wahrheiten' einhüllten, vermehrte nur den Absatz ihrer Ware bei diesem Publikum. Seinerseits erkannte der dt. Sozialismus immer mehr seinen Beruf, der hochtrabende Vertreter der Pfahlbürgerschaft zu sein. Er proklamierte die deutsche Nation als die normale Nation und den deutschen Spießbürger als den Normalmenschen. Er gab jeder Niedertracht desselben einen verborgenen, höheren, sozialistischen Sinn, worin sie ihr Gegenteil bedeutete” (Kommunistisches Manifest, MEW 4, 481 f.).

6.

Der Antisemitismus ist die Rückseite der Revolution.

7.

“Die Linke” läßt sich weder – konstruktiv – zu einer Neuaneignung revolutionärer Theorie bewegen noch – destruktiv – gegen das Schlimmste zumindest immunisieren.

8.

Dies liegt nicht zuletzt an ihrem Akademismus, ihrer abgründig zwischen dem Positivismus der “Fakten” und der Metaphysik des “Interesses” changierenden Denkform, ihrem untergründigen Sympathisantentum mit dem “zwanglosen Zwang des besseren Arguments, das weniger eine Sache der Erkenntnis als vielmehr Signal der Bereitschaft ist, in den Institutionen der sekundären Vergesellschaftung Kopflangerdienste zu leisten.

9.

Dieser Habitus prägt die “Szene” von den Autonomen bis hin zu den Jusos. Er findet seinen spirituellen point d'honneur in der Idee, Theorie und Praxis müßten vermittelt werden. Aber der Intellektuelle ist immer schon und vor jedem Inhalt die leibhaftige Vermittlung, d.h. das Bewußtsein des souveränen Werts.

10.

Nichts anderes war von den Antizionisten zu erwarten als die auch praktische Konsequenz ihrer “Theorie”-Konstrukte. Das ist unheimlich und widerlich genug – allerdings noch lange nicht der eigentliche Skandal, der vielmehr in der Reaktion der 'schweigenden Mehrheit' besteht. – Der “Offene Brief” Menzels ist ein Dokument der linken herrschenden Meinung: h.M.

11.

Darin scheint das Problem zu liegen: Wie kommen die Leute vom Arbeitskreis Alternative Kultur (AAK) dazu, einerseits den Detlev Claussen einzuladen und andererseits einen Rabbi nach Ihringen, der die kaiserstühler Linksmichel über die jüdischen Beerdigungsriten aufklärt? Woher die Idee, Antisemitismus ließe sich durch Befriedigung ausgerechnet der Judenschnüffelei beheben, die ihn doch auszeichnet? Und woher die Seelenruhe, die das einerseits/andererseits nicht als schreienden Widerspruch, sondern als verschiedene Mittel zum selben Zweck versteht?

12.

Die Unaufklärbarkeit der Antizionisten hat ihr Fundament, hat die Bedingung ihrer Möglichkeit im alternativen Bewußtsein selbst.

13.

Die Antizionisten machen es sich in den Trümmern des materialistischen Bewußtseins bequem, die zur Innenausstattung der “Szene” gehören. Die Leichen im Keller der alternativen h.M. sind das Pfund, mit denen der linke Kampf gegen die Fremdherrschaft wuchert. Dazu gehören u.a.: Befreiungsnationalismus, völliger Verlust der materialistischen “Kritik der politischen Ökonomik”, allgegenwärtige Präsenz des liberalen “Ideologieverdachts”, Denunziation von Theorie als “abgehoben” und “abstrakt” – zu untersuchen wäre, ob nicht der diskrete Antisemitismus der nicht-antizionistischen Mehrheit in diesen Invektiven sich äußert, die allesamt der kritischen Theorie gelten. Daß die “Murabitun” dem Kampf gegen die “Rabbis der Frankfurter Schule” sich verschrieben haben ist genauso wenig ein Zufall wie die Konnotationen, die sich mit dem Wort vom “Metropolenintellektuellen” verbinden. (Ticketdenken)

14.

“Die Linke” ist keineswegs das Subjekt ihrer selbst. Paradox: Je mehr von “Autonomie” die Rede war, desto weniger fand sie statt, desto mehr wurde die Linke zur Ableitung der h.M.

15.

“Erfahrung, die Kontinuität des Bewußtseins, in der das Nichtgegenwärtige dauert, in der Übung und Assoziation im je Einzelnen Tradition stiften, wird ersetzt durch die punktuelle, unverbundene, auswechselbare und ephemere Informiertheit, der schon anzumerken ist, daß sie im nächsten Moment durch andere Informationen weggewischt wird. Anstelle des Zusammenhangs eines in sich relativ stimmigen Lebens, das ins Urteil mündet, tritt ein urteilsloses “Das ist”, etwa so, wie im Schnellzug je Fahrgäste reden, die bei jedem vorbeiflitzenden Ort die Kugellager- oder Zementfabrik oder die neue Kaserne nennen, bereit, jede ungefragte Frage konsequenzlos zu beantworten” ( Adorno, Theorie der Halbbildung, in: Soziologische Schriften 1, S. 115 f.).

16.

Kritik ist nicht die zweite Stufe von Verständnis.

17.

Der Versuch, gerade in der Konsequenz von Erfahrung mit dem “Common Sense” zu brechen (die geistige Reflexion des Milieus), kann nicht im Horizont von Theorie und Praxis unternommen werden. Noch in seinen avanciertesten Fassungen ist das Theorie/Praxis-Denken mit dem Arbeiterbewegungsmarxismus und der bürgerlichen Denkform verbunden. Als politisiert-affirmierter Ausdruck der basalen Spaltung von geistiger und körperlicher Arbeit ist das Denken in Theorie und Praxis (u.a.) die Legitimation der (linken) Intellektuellen. Der Intellektuelle ist seiner politökonomischen Konstitution entsprechend objektiv antisemitisch – darin lebt er seinen Haß auf die nutzlose Wahrheit, auf das unpraktische Denken, auf den wertlosen Gebrauchswert aus.

18.

Der Antisemitismus, geistiger Vorschein der im Kapitalverhältnis angelegten Möglichkeit der negativen Aufhebung bürgerlicher Gesellschaft in Barbarei, ist die Kehrseite der Revolution. Oder anders: wer nicht weiß, worum es hier geht, kann kein “revolutionäres Subjekt” sein.

19.

Der schon von der Gestalt des Revolutionsproblems erforderte Übergang vom Theorie/Praxis-Schema zum Denken aus der Konstellation von Kritik & Krise heraus wird zugleich durchs Antisemitisproblem erzwungen. Natürlich gilt: keine Kritik ohne “Theorie”, keine militante Aufklärung ohne die Vermittlung von Wissen und die Mitteilung von Informationen, seien sie historischer, soziologischer oder sonstiger Natur. Aber dies betrifft, frei nach Marx, eher die “Forschungs”- und weniger die “Darstellungsseite”. Aufklärung geht in Information nicht nur nicht auf – sie geht darin unter.

20.

Denn das Schema von Theorie/Praxis impliziert die Reduktion von Ideologie auf Irrtum, die Verniedlichung von Denkform in Wahrnehmung und die Verharmlosung des Bewußtseins zum ephemeren “Überbau” des Seins. Damit verfehlt Theorie ihren Gegenstand und ihre Praxis – “geistige Aktion” (Korsch) – zugleich; noch als oppositionelle hat sie derart Teil an der Reproduktion der h.M. und ihrer Praxis.

21.

Wer in Sachen Antisemitismus nicht polemisch vorgeht, der handelt unsachlich.

22.

Der Antisemitismus läßt sich zwar erklären, aber er läßt sich nicht begreifen. Als nicht nur an sich unvernünftige, sondern vielmehr anti-vernünftige Angelegenheit liegt der Antisemitismus im Jenseits der Vernunft. Ihr Verhältnis zueinander ist das der völligen Vermittlungslosigkeit, d.h. das Verhältnis des Krieges, der Polemik. Die Erklärung des Antisemitismus muß sich dessen gewiß sein, daß ihr Wahrheitskriterium kein innertheoretisches ist (wie der Positivismus meint), sondern ein gesellschaftliches (wie der Materialismus empfiehlt). Vernunft, die sich nicht auf Verstand heruntertheoretisieren läßt, beruhigt sich nicht mit der Erklärung des Antisemitismus: Ihr Begriff der Sache ist deren Abschaffung, ihr Wahrheitskriterium liegt in der praktischen Lösung der Antisemitenfrage. Die theoretische Wahrheit über den Antisemitismus ist sein praktisches Ende, das nur das Ende der Gesellschaft des Kapitals sein kann. Es ist dieser dialektische Begriff der Wahrheit, der das Theorie-Praxis-Verhältnis in der Konstellation von Kritik & Krise aufhebt.

23.

“Die Internationale -
ertönen, erdröhnen soll sie,
wenn der letzte Antisemit, den sie trägt, diese Erde, im Grab ist, für immer”

Evgenij Evtuschenko, Babi Jar

Juli 1991

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