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Einerseits und andrerseits

Über die Urteilskraft der autonomen Gruppe SOWOT

Initiative Sozialistisches Forum

Die November-Ausgabe der KTS-Zeitschrift “Koraktor” hat unter dem Titel “Krieg der ‚Linken’” ein Traktat der Gruppe SOWOT veröffentlicht, das in seiner theoretischen Brillanz besticht und zu weiteren Überlegungen herausfordert:

Nachdem der Leser über das Befinden der Gruppe unterrichtet worden ist - einerseits fühlt sie sich unter den deutschen Pazifisten “nicht wohl”, andrerseits unter den antideutschen Kommunisten “noch unwohler” -, spreizt sie ihr Urteilsvermögen ins Politische. Denn irgendwie ist die Friedensbewegung wie die Gruppe selbst, weder heiß noch kalt, und damit ein Ding genau in der Mitte zwischen Einerseits und Andrerseits. “Jetzt gehen wieder mehr Leute auf die Straße”, heißt es. “Einerseits ist dies eine positive Entwicklung: mehr Menschen steigen aus der Gleichgültigkeit aus, die die Ideologie des aktuellen Kapitalismus ist. Andererseits wird die Friedensbewegung wieder von den komischsten Motiven getrieben.”

Neben der frappanten Unfähigkeit zum Gebrauch der eigenen Urteilskraft - denn wann wäre es jemals die Bestimmung einer Sache gewesen, sowohl als auch zu sein? - besticht daran vor allem der elegante Habitus von Bilanzbuchhaltern, die ihr Einerseits und Andererseits doch nur als Balance von Soll und Haben verstehen. Hinter dem rechenhuberhaften Formalismus der Unfähigkeit zum synthetischen Urteil kommt aber sogleich der deutschtümelnde Empirismus ihrer Gesinnung zum Vorschein.

Denn “einerseits” stimmt es ja gar nicht, daß “Gleichgültigkeit” die “Ideologie des aktuellen Kapitalismus” ist. Richtig ist vielmehr, daß die Landsleute sehr engagiert dabei sind, das Kapital zu akkumulieren und den Staat zu stützen, daß sie noch engagierter dabei sind, wenn es gilt, einen rassistischen Lynchmob zu bilden. Weil die Gruppe nebulös vom Kapitalismus spricht statt präzise vom deutschen, unterbleibt “einerseits” jede Bewertung und tritt zugleich an deren Stelle das Beglotzen der “positiven Entwicklung”.

Und “andererseits” stimmt es ebenfalls nicht, daß die erfreuliche Entwicklung aus den “komischsten Motiven” sich speiste. Es sei denn, man hat den Humor der Gruppe Sowot. Richtig ist vielmehr, daß dieses “Häuflein” deutschpazifistisch verwirrter Menschen, das jeden Samstag unter Leitung der Linken Liste/Friedensliste deutsche Ideologie ins Volk streut, mitnichten “komisch” ist, sondern nur der Katalysator einer nationalen Erweckungsbewegung im Wartezustand. Die Tibet-Reisende Petra Kelly und der SED-Dissident Rudolf Bahro mögen 1979 noch lustige Sonderlinge gewesen sein; ein Jahr später und im Verein mit dem General Bastian und dem K-Grüppler Thomas Ebermann waren sie es nicht mehr und hatten ihren Tick zur Bewegung verallgemeinert.

Es versteht sich, daß ein Urteil falsch sein muß, das nicht nur auf unrichtigen Tatsachenbehauptungen gründet sowie im Mangel jedweder historischen Erfahrung und Reflexion, sondern daß sich zudem die Form des Urteils selbst anmaßt, um dann, wie es sich für Inhaber des gesunden Menschenverstands gehört, alle Dialektik sausen zu lassen und sich selbst in die schöne Position des Vermittlers zu versetzen, das heißt: in die Funktion des Bilanzbuchhalters, in dessen Person die krassesten Widersprüche friedlich sich auflösen. Allerdings wird es dann wirklich lächerlich, wenn die Gruppe dazu einlädt, diesen Wirrwarr als “revolutionären Defätismus” zu diskutieren: “Wir stellen uns auf keine Seite”, heißt es zu diesem Umschlag vom Einerseits und Andererseits ins Wedernoch. Wer zwischen heiß und kalt nicht sich entscheiden kann, der muß schon ziemlich lau sein.

Der Versuch, aus falschen Prämissen zu folgern, erweist sich dabei nicht nur als Ausdruck eines eher bemitleidenswerten Mangels an Materialismus und mindest als schlichter Irrtum, sondern als eben die Unfähigkeit zum synthetischen Urteil, die der Ideologieproduktion notwendig vorausgeht.

Nicht allein, daß Sowot die Kritiker der neuesten Friedensbewegung als eine im dunklen Hinterhalt lauernde U-Boot-Flotille sich vorstellt, der gar nichts einfallen mag, “als jegliche Ansätze einer Bewegung gegen den Krieg zu torpedieren”, die also nicht konstruktiv zur Sache schreitet. Nicht nur, daß sich die Gruppe damit eines populistischen Jargons linker Gemütlichkeit bedient, der eines Noam Chomsky würdig wäre, nicht nur, daß sie dort salbadert, wo auch die herrschende Öffentlichkeit sich von Kritik nicht madig machen läßt: Für sie ist Kritik nur Heimtücke. Sondern vor allem, daß die Gruppe die Kritiker als Leute denunziert, die “selbst überhaupt keinen Begriff (von Erfahrung ganz zu schweigen) von Kapitalismus als Ausbeutungs- und damit Klassenverhältnis haben”.

Soll wohl heißen: Wer nicht arbeitet (oder von der Erfahrung der Arbeit schwatzt), der soll auch nicht kritteln, und wer nicht dabei war, der darf auch nicht mitreden. Erstaunlich ist es nicht, aber doch interessant und aufschlußreich, wie schnell und wie bewußtlos die rebellische Phrase sich einmal um sich selbst dreht und dann, wenn es gegen Volksfeinde und “Antideutsche” geht, zur wohl deutschesten aller Ideologien greift. “Es gibt kein Recht auf Faulheit”, sagt der Kanzler; es gibt kein Recht auf Kritik, die nicht eine höhere Form von Einverständnis wäre, sagt Sowot, und: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht kritisieren.

Der “revolutionäre Defätismus”, den die Gruppe andient, scheint daher weniger der der Ausdruck einer subversiven zersetzenden Geisteshaltung zu sein, als vielmehr das Anzeichen einer Kapitulation vor dem Gebrauch der eigenen Urteilskraft.

Anders läßt es sich wohl kaum verstehen, daß eine Gruppe, die die Kritiker des pazifistischen Deutschtums bezichtigt, sich der “Logik des Staates” zu unterwerfen, selbst auf jede Logik pfeift, wenn es nur der eigenen Sache zupaß kommt. Denn jede Logik lehrt, daß nicht das “Einerseits” und das “Andrerseits” zugleich den selben Gegenstand bezeichnen kann. Wer seine Urteilskraft darauf herunterbringt, einen einfachen Widerspruch als der Weisheit letzten Schluß zu akzeptieren, der hat auch erklärt, daß er ein Mitmacher ist, der erst zum Interpreten und dann zum Theoretiker der “gutmeinenden Bürger” und der “SchülerInnen mit diffuser Friedenssehnsucht” sich aufschwingen möchte. Darüber wird dann Denken, das als Kritik praktisch zu werden vermöchte, zum “Unwohlsein”.

“Vor lauter Kritik der Beschränktheit der Protestierenden”, schreibt die Gruppe abschließend, vergäßen “diese ‚Linken’ den Widerstand selbst.” Allerdings hatten diese Kritiker gar nicht die “Beschränktheit” kritisiert, weil sie nicht daran interessiert sind, der Friedensbewegung zu einem besseren Verständnis ihrer selbst zu verhelfen, das heißt zum Selbstbewußtsein ihres Deutschtums. Und diese Kritiker hatten auch keinesfalls den Widerstand vergessen, weil es nämlich gar nicht um “Widerstand” geht, sondern um die Initiierung revolutionärer Praxis in einem Land, in dem der “Begriff vom Klassenverhältnis” darin bestünde, sich davon einen zu machen, wie sich die deutsche Klassengesellschaft als volksgemeinschaftliches Mordkollektiv mit all seinem bis heute sich durchhaltenden Haß auf Israel sich darstellen kann.

Aufklärung, die auf den Begriff der Sache geht, ist so bestimmt als das Gegenteil von Propaganda. So what?

Aus: Koraktor. Zfs. der KTS, Dezember 2001

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